Namen & Neues

Erinnerungen an Charlotte von Mahlsdorf

Veröffentlicht am 13.03.2018 von Ingo Salmen

Ein Fest war dieses Leben nicht. Eine bedrohte Kindheit, vom Nazi-Vater geschlagen, auch in der DDR nur eine randständige Existenz, erst im wiedervereinigten Deutschland eine späte Anerkennung, besonders durch das Bundesverdienstkreuz 1992, ohne jedoch wirklich sorgenfrei zu sein. Der Umzug nach Schweden 1997 war auch eine Flucht vor den Neonazis, die ihr das Leben schwer machten. Bei einem Besuch in der Heimat versagte 2002 das Herz, die letzte Ruhe fand sie auf dem Mahlsdorfer Waldfriedhof.

Doch dieses Leben war immer auch eine Feier: der Schönheit, der Individualität, des kulturellen Erbes, das sie gegen alle Widrigkeiten verteidigte. Charlotte von Mahlsdorf, 1928 als Lothar Berfelde geboren, wäre an diesem Sonntag, 18. März, 90 Jahre alt geworden. Sie rettete einst das Gutshaus Mahlsdorf vor dem Abriss und danach unzählige Wohnungseinrichtungen vor der Müllhalde, baute ab 1960 ihr Gründerzeitmuseum auf, wurde spätestens in den 1990er Jahren zur berühmtesten Transperson der Republik. Rosa von Praunheim verfilmte ihr Leben, am Broadway in New York lief ab 2003 das vielfach ausgezeichnete Stück „I Am My Own Wife“ von Doug Wright. Es gäbe viele Gründe, an sie zu erinnern, aber vielleicht läuft am Ende alles auf diesen einen hinaus: Dieses Leben steht auch symbolisch dafür, immer sein eigenes Ding zu machen und doch der Gemeinschaft einen Dienst zu erweisen.

In einem Antiquariat fiel mir kürzlich ein schmaler Band aus dem Jahr 1994 in die Hände: „Ab durch die Mitte“, ein Spaziergang mit Charlotte von Mahlsdorf durch das alte Berlin, wie ihre Autobiografie „Ich bin meine eigene Frau“ zwei Jahre zuvor herausgegeben in der Edition diá. Von der Autorin handsigniert, in Omaschrift. Viel hat sich geändert, manches ist heute unauffindbar, aber einiges regt doch zu einer Entdeckungsreise zu vergessenen Orten an, die ein herkömmlicher Stadtführer kaum erwähnt.

Startpunkt Märkisches Museum, ein Flachbau neben dem Bärenzwinger war in der Kaiserzeit ein Schwulen-Badehaus, heute: Bezirksamt Mitte. Manches Fries, manche Fassade erzählt, entschlüsselt durch kundige Beschreibung, die Geschichte alter Mauern. Wo die Häuschen auf der Fischerinsel durch sozialistische Betonklötze ersetzt wurden, „kein menschenfreundlicher Zug weit und breit, alles maßlos, grau, staubig, garstig“, kommentiert sie bissig: „Ruinen schaffen ohne Waffen“. Neben der Mulackritze, der Zille-Kneipe, die längst nicht mehr in der Mulackstraße steht, sondern von Charlotte in den Keller des Gründerzeitmuseums gerettet wurde, gibt es noch weitere Bezüge zu Mahlsdorf: In den 1950er Jahren habe sie Katharina Peschel, genannt Käthe, seinerzeit die einzige Glasmalerin der DDR, dabei geholfen, die Bleiglasfenster für das Rote Rathaus herzustellen. Der Nachfolgebetrieb von Dieter Schölzel, bis heute in Mahlsdorf ansässig, habe in den 1980er Jahren die Fenster für die Friedrichwerdersche Kirche gebaut. Und auch ein Bekenntnis fürs Stadtschloss legt sie ab: Wenn jeder eine Mark im Jahr gibt und das über zwanzig Jahre, dann sollte es doch möglich sein – mit Ballsälen, aber bitte für alle: „Das Schloß als Haus für die Allgemeinheit, das wär doch was!“

Fürs Erste haben wir ja das Gründerzeitmuseum. Dort steigt am Wochenende das – bescheidene – Fest zum 90. Geburtstag. Am Sonntag ist das Gutshaus am Hultschiner Damm 333 von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt entfällt an diesem Tag. Zwei Aufführungen des Dokumentarfilms „Sonntagskind“ von Carmen Bärwaldt sind bereits ausgebucht. Im Laufe des Jahres will der Verein um Monika Schulz-Pusch, die 1997 die Schlüssel von Charlotte übernommen hat, weitere Termine anbieten. Am Sonnabend wird bereits um 14 Uhr im Neubaugebiet gegenüber der Charlotte-von-Mahlsdorf-Ring nach der Museumsgründerin benannt. Dann ist sie auch ihre eigene Straße.

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