Namen & Neues

Make Schloss Biesdorf great again

Veröffentlicht am 15.05.2018 von Ingo Salmen

Irgendwann, sagen wir in 150 Jahren, wenn Historiker den zweiten Teil der Geschichte von Schloss Biesdorf aufarbeiten wollen, werden sie den Neuanfang des Jahres 2018 vielleicht mit Brezelkrümeln und Schnittlauch verbinden. Das liegt an der „Museumsvitrine“ von Ramon Muggli. Die Installation steht etwas unscheinbar auf einem Brett an der Wand im Erdgeschoss, rechts neben der Treppe, wo man eine Abstellkammer vermuten würde. Ein hohes Glas, das Woche für Woche mit den Partikeln gefüllt werden soll, die ein Saugroboter in der kommunalen Galerie aufkehrt. Am Freitag ist dieses Glas noch leer, doch das Parkett nicht mehr so sehr. Es gibt gleich um die Ecke, beim Empfang von Bürgermeisterin Dagmar Pohle, Brezeln mit Butter und Schnittlauch. Die erste Schicht?

Der feierliche Anlass für den Empfang ist das 150-jährige Bestehen des Schlosses Biesdorf. Im Mai 1868 wurden die klassizistische Villa und der vier Hektar große Park, der sie umgibt, an Gutsbesitzer von Rüxleben übergeben, berichtet Pohle in ihrer Festrede. Es gebe jedoch auch eine Inschrift mit der Jahreszahl 1869, die aber möglicherweise auf die Fertigstellung des Turms hinweise. „Wenn wir die Möglichkeit haben, das nächstes Jahr noch mal zu aktualisieren, umso besser“, frohlockt Landesdenkmalpfleger Jörg Haspel sogleich. Er spricht vom „Glienicke des Ostens“, um die Bedeutung des Gebäudes für Berlin hervorzuheben. Das hat auch Substanz: Der Putz, erzählt Pohle, ist so solide, dass er 150 Jahre Umwelteinwirkungen recht unbeeindruckt überstanden hat.

Eine neue Gelegenheit zum Feiern ergibt sich 2019 schon aus einem ganz anderen Umstand: Dann ist der 100. Todestag von Wilhelm von Siemens, Sohn des Patriarchen Werner und ab 1887 drei Jahrzehnte lang Eigner des Schlosses, das damals noch vor den Toren der Großstadt lag. Biesdorf sei deshalb „untrennbar mit der Geschichte eines Weltkonzerns verbunden“, sagt Pohle bei der Feierstunde vor rund 100 Gästen. Sie erinnert zugleich an die jahrzehntelange Verwendung der Villa als Kulturzentrum, erst zu DDR-Tagen, dann seit den 90ern durch den Verein BALL e.V. Diese „bürgerorientierte Arbeit“ solle weiterhin ihren Platz an diesem Ort finden, sagt Pohle. Auch Heinrich Niemann, Vorsitzender des Vereins Ost-West-Begegnungsstätte, der die Sanierung in die Wege geleitet hat, schlägt Pflöcke ein: Er wünscht sich mehr Platz für den Maler Otto Nagel, der die letzten Lebensjahre in Biesdorf verbrachte.

Eine Würdigung ist schon dem Baumeister zuteil geworden: Seit Freitag heißt der Saal im Obergeschoss Heino-Schmieden-Saal. Historiker Oleg Peters macht deutlich, welch bedeutender Architekt Heino Schmieden war, der hier sein Frühwerk schuf. 200 Bauten und Entwürfe seien von ihm bekannt: „’ne ganze Menge“. Er habe Spuren in ganz Europa hinterlassen. Seine bedeutendsten Werke: das Klinikum Friedrichshain, von Rudolf Virchow seinerzeit als das modernste Krankenhaus auf dem Kontinent bezeichnet, das Gewandhaus in Leipzig und das Kunstgewerbemuseum in Berlin, das er nach dem Tod seines Sozius vollendete, dessen Namen es heute trägt: Martin Gropius. (Mehr über Schmieden übrigens bei einem Vortrag am Donnerstag, 17. Mai.)

Mit dem Thema Heimat verbindet der Innensenator das Schloss. „Man braucht Orte, auf die man sich beziehen kann“, sagt Andreas Geisel, dem die Turmvilla schon seit Kindertagen in Lichtenberg vertraut ist. Dabei komme es nicht darauf an, wo man geboren sei, sondern wo man sich zu Hause fühle. Solche identitätsstiftenden Orte wolle der Senat auch außerhalb des S-Bahn-Rings fördern. Denn Berlin dürfe nicht nur auf die großen Einrichtungen schauen. Ein mögliches Zeichen dafür: Die nächste Senatsklausur soll Geisel zufolge in Schloss Biesdorf stattfinden.

Heimat ist auch ein Motiv der Ausstellung „Ankommen“, die seit Donnerstag eröffnet ist. Die erste Schau in der nun kommunalen Galerie, kuratiert von Karin Scheel. Da sind die „Musterplatten“ von An Seebach und Christiane Stegat, die sich wie klassizistische Bordüren um Fenster und Türen ranken, doch bei näherem Hinsehen aus modernen Elementen zusammengesetzt sind, etwa eine zahllos wiederholte Staffelung von Mehrfamilienhaus und Plattenbau. Da ist die Toncollage, die Thomas Bratzke mit Kindern des Händel-Gymnasiums in Friedrichshain erarbeitet hat, basierend auf dem sozialistischen Liedchen „Unsere Heimat“. Und da ist der Raum, in dem Maurice de Martin seine gescheiterte Projektarbeit „Gera 2025“ für die Bewerbung um den Titel als Kulturhauptstadt reflektiert („Make Gera great again“) – sowie seine Begegnungen mit Rechtsradikalen, Reichsbürgern und AfD-Anhängern. Wir freuen uns schon auf die nächste Anfrage zur politischen Neutralität bei Veranstaltungen des Bezirksamts in der Bezirksverordnetenversammlung.

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