Namen & Neues

Für Schwimmer wird es langsam eng

Veröffentlicht am 22.05.2018 von Ingo Salmen

Badefreunde sollten sich schon einmal den U5-Halt Kaulsdorf-Nord sowie die Buslinien 191, 197 und 297 mit gleichem Ziel merken. Damit können sie am besten die Kaulsdorfer Schwimmhalle erreichen. Denn die ist ab dem 18. Juni, wenn sie nicht gerade im Kinderbad Platsch planschen wollen, der einzige Ort im 260.000-Einwohner-Bezirk Marzahn-Hellersdorf, um ein paar Bahnen zu ziehen. Ab diesem Tag ist nämlich das Hallenbad am Helene-Weigel-Platz für Reinigungsarbeiten dicht. Die sollen bis zum 22. Juli dauern. Auch eine 125.000 Euro teure Erneuerung einer elektrischen Anlage ist vorgesehen, wie es in einer Auskunft der Senatssportverwaltung (hier als PDF) heißt.

Eigentlich war sogar eine Schließung bis Ende September geplant, um das Becken zu sanieren. Dafür seien jedoch noch genauere Untersuchungen nötig, teilt der Sprecher der Berliner Bäderbetriebe, Matthias Oloew, auf Anfrage mit. Die Folge: Vor 2019 wird es keine Sanierung geben. Die Schwimmhalle Kaulsdorf wiederum ist für Reinigung und Wartung vom 23. Juli bis zum 20. August geschlossen. Dann sollen auch Arbeiten am Dach, an der Lüftung und den Brandschutzklappen über rund 44.000 Euro durchgeführt werden.

Die missliche Lage entsteht aus einem anderen Grund. Im Freizeitforum Marzahn kommen die Bauarbeiten an der Schwimmhalle nicht voran. Ursprünglich war nur angedacht, bis Ende Februar oder Anfang März die Technik zu modernisieren und die Sauna umzubauen. Doch dann gab es noch Fördergelder für den Austausch der Glasfassade. Nachdem endlich eine Firma gefunden wurde, die das übernehmen kann, hieß es: Abschluss bis Mitte Mai, dann Grundreinigung, Füllen der Becken und Inbetriebnahme der neuen Wasseraufbereitungsanlage, so dass die im Auftrag des Bezirks betriebene Schwimmhalle samt Sauna „voraussichtlich Mitte des Jahres 2018“ wieder öffnen kann, wie der Leiter des Freizeitforums, Miroslaw Filzek, auf der Website schrieb. Ist der 18. Juni denkbar? „Das ist ausgeschlossen“, sagt Filzek. Genauere Angaben will er aber erst nach der nächsten Bauberatung machen.

Die Vereine pochen jedenfalls auf ihre Bahnen. Der Sportausschuss hat sich mit Vertretern von SC Eintracht Berlin und BSV Medizin Marzahn, beide mit eigener großer Schwimmabteilung, getroffen und fordert einstimmig, ihnen auch in den Sommerferien Schwimmzeiten in den beiden Hallen der Bäderbetriebe, in Kaulsdorf und am Helene-Weigel-Platz, bereitzustellen. Das sei einerseits bedeutsam, weil viele Familien nicht in den Urlaub fahren können, und andererseits für die Wettkampffähigkeit der Sportlerinnen und Sportler wichtig. Aus diesem Grund sollen nach Wunsch der Sportpolitiker auch die Bahnen am Helene-Weigel-Platz vermessen werden – eine Voraussetzung, um auch im Bezirk Wettkämpfe durchführen zu können. Einen dritten Antrag will die sportpolitische Sprecherin der Linken, Konstanze Dobberke, in die Bezirksverordnetenversammlung einbringen: Sie plädiert dafür, während Sanierungen und anderen Baumaßnahmen „Ersatz- und Ausgleichszeiten“ in anderen Schwimmhallen zu vergeben. Längere Schließungen würden bei den Vereinen regelmäßig zu Mitgliederschwund führen, erklärt Dobberke. Auch Hallen in Nachbarbezirken will sie dabei in den Blick nehmen.

Das dürfte ganz im Sinne der Landesregierung sein. „Es gibt seitens des Senats keine Aussage zur Bedarfsdeckung im Bereich der öffentlichen Bäder“, dekretiert Sportstaatssekretärin Sabine Smentek (SPD) auf Anfrage des Linken-Abgeordneten Philipp Bertram (hier als PDF). „Seit dem Jahr 2008 werden keine Richtwerte mehr verwendet. Die Versorgung mit Bädern der Berliner Bäder-Betriebe (BBB) ist bezirksübergreifend zu betrachten.“ Freundlicherweise fügt sie trotzdem die Sportanlagenstatistik 2015 bei. Demnach weicht die Fläche pro 1000 Einwohner der Frei- und Sommerbäder in Marzahn-Hellersdorf um 99,4 Prozent nach unten vom Berliner Durchschnitt ab (100 Prozent sind es nur nicht, weil 187 Quadratmeter Kinderbad in die Rechnung eingeflossen sind). Na gut, schauen wir uns Lichtenberg an: ein Freibad (das Strandbad Orankesee), Abweichung um 44,6 Prozent. Und Treptow-Köpenick vielleicht? Da gibt natürlich genügend Seen und deshalb in der Liste auch sieben Bäder – 228 Prozent mehr als im Berliner Mittel.

Aber da fährt man aus MaHe schon mal eine Stunde hin. „Grundsätzlich wird es aus Versorgungssicht zumutbar angesehen, wenn Schwimmbäder während der Öffnungszeiten innerhalb von 30 Minuten durch öffentliche Verkehrsmittel erreichbar sind“, schreibt Staatssekretärin Smentek. „Durch die sehr gute Verkehrsinfrastruktur Berlins“ sei diese Bedingung auch „grundsätzlich erfüllt“. Auch das teilt sie wieder ganz pauschal mit, obwohl der Linken-Abgeordnete die Frage für „Hallen-, Frei- und Sommerbäder in den Berliner Bezirken“ gestellt hatte. Bei Hallenbädern hat sie recht, aber bei Frei- und Sommerbädern sind nun mal große Teile des Bezirks Marzahn-Hellersdorf „grundsätzlich“ weiter als eine halbe Stunde entfernt.

Auch bleibt alles beim Alten. Treptow-Köpenick würde gern „einen geeigneten Standort für ein Multifunktionsbad finden“. Lichtenberg berichtet über „Gespräche mit dem Bezirk Marzahn-Hellersdorf zur Abklärung potentieller Standorte für die Errichtung eines Kombibades“. Und Marzahn-Hellersdorf teilt mit: „Aus Sicht der Stadtentwicklung verfügt der Bezirk über keine geeignete Fläche von mindestens 25.000 Quadratmetern für ein Kombibad.“ Was wir nicht erfahren: ob es nicht doch ein kleineres Gelände für ein reines Freibad gäbe – obwohl Bertram ausdrücklich nach „konkreten Überlegungen“ auch für die Bereitstellung von Flächen für Freibäder gefragt hatte. Seit Anfang April wissen wir bereits, dass der Bezirk mindestens 10.000 Quadratmeter dafür sucht, verkehrsgünstig gelegen, aber wegen des Lärmschutzes bitte nicht direkt neben Wohnbauten, dafür am besten schon in öffentlicher Hand. Nur beim Senat ist das offenbar noch nicht angekommen. Und dort liegt die Zuständigkeit.

Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass trotz all dieser Hindernisse Marzahn-Hellersdorf mit 12,6 Prozent die geringste Nichtschwimmerquote aller Bezirke am Ende der dritten Klasse aufweist (Berliner Durchschnitt: 17,9 Prozent). Doch das kann sich auch ändern.

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