Namen & Neues

Rassismus-Äußerungen von Jerome Boateng - eine Einordnung

Veröffentlicht am 13.11.2018 von Ingo Salmen

Die Aufregung war groß und bei manchem auch das Entsetzen: Wenn jemand wie Jerome Boateng, einer der erfolg- und einflussreichsten deutschen Fußballer dieses Jahrzehnts, sich öffentlich äußert, stößt das auf Resonanz. Jetzt hat der Nationalspieler und Weltmeister von 2014 ein eigenes Magazin auf den Markt gebracht, das nach ihm nur kurz „Boa“ benannt ist. In einem Doppelinterview spricht er mit Herbert Grönemeyer über die Zerrissenheit der Gesellschaft und schildert auch seine persönlichen Erfahrungen mit Rassismus bis in die Gegenwart hinein. Diese Erlebnisse sind aber nicht ganz neu – und zweimal kommt deshalb auch Marzahn vor. In seiner Kindheit und Jugend sei er dort sogar von Eltern der gegnerischen Mannschaft bespuckt worden, erzählt Boateng, „mit anderer Hautfarbe hast du da immer etwas zu befürchten“. Auch heute würde er seine beiden siebenjährigen Töchter noch nicht zur Klassenfahrt nach Marzahn schicken.

Warum schon wieder Marzahn? Das haben sich viele gefragt, nicht zuletzt Bezirkspolitiker, die seit Jahren gegen das Klischee von Nazis, Platte und Hartz IV kämpfen. Das haben sich auch viele gefragt, die diesen Bezirk längst nicht mehr als feindselig empfinden, die gern dort wohnen, auch eine gewisse Vielfalt als Alltag erleben. Er könne kein „strukturelles Problem“ mit Rassismus im Bezirk erkennen, sagte CDU-Stadtrat Johannes Martin, zuständig für Tourismus, mir am Freitag und meinte damit damit, dass er keine wesentlichen Unterschiede zu anderen Bezirken sieht, die der Fußballer nun mal nicht erwähnt hatte. Martin lud Boateng deshalb ein, den Bezirk einmal zu besuchen. Die „B.Z.“ berichtete, die Polizei-Statistik weise für Marzahn (genauso wie Pankow, denn Boateng erwähnte auch Weißensee) nicht mehr rechtsradikale Gewaltdelikte ausweise als anderswo.

Allerdings kennen wir auch den Demokratiebericht der Koordinierungsstelle Polis zur Demokratieentwicklung im Bezirk. Er erfasst auch solche Ereignisse, die unterhalb der polizeilichen Wahrnehmung bleiben. Im Jahr 2017 hatten sich die rechten Vorfälle demnach im Vergleich zum Vorjahr halbiert, wie wir im Juni berichteten, wiesen jedoch immer noch den dritthöchsten Wert seit Beginn der Erfassung im Jahr 2008 aus. Jeden Monat verzeichnete das Register mehrere körperliche oder verbale Attacken. Das, was Boateng aus einer Erinnerung schilderte, die weit mehr als ein Jahrzehnt zurückgreift, ist also auch heute noch alltägliche Bedrohung für viele Menschen. Dass es andernorts womöglich nicht besser ist, ändert nichts an der individuellen Situation. Auch andere schilderten nach den Äußerungen des Fußballstars, wie ihnen Rassismus in Marzahn-Hellersdorf schon konkret widerfahren ist.

Dass Boateng auch Jahre später noch sein Handeln an diesen alten Erlebnissen ausrichtet, zeigt erst, wie lange das Gift des Rassismus nachwirkt. Er hat nicht die Absicht, Marzahn wieder zu stigmatisieren. Am Dienstag nahm er sogar eine Einladung von Fußball-Trainer Torsten Katzur in den Bezirk an, wie die „B.Z.“ meldete. Wer das „Boa“-Interview aufmerksam liest, wird feststellen, dass hier ein Mensch spricht, der gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Der Fußballer-Devise „bitte nicht anecken“ wolle er nicht mehr folgen, sagt Boateng. „Und ich verstehe auch die Leute, die Angst vor der Zukunft und vielleicht auch vor Zuwanderern haben, weil ihnen manches fremd ist. Aber als Fußballer weiß ich, wie wichtig es ist, Ängste anzugehen.“ Wer wollte das nicht unterschreiben?

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