Namen & Neues

Fuchsberg, Kolibri, Schleipfuhl: Das Hin und Her der Grundschulen

Veröffentlicht am 19.03.2019 von Ingo Salmen

Die Verteilung der Schülerinnen und Schüler in Marzahn-Hellersdorf auf die verfügbaren Gebäude erinnert bisweilen an das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Es gibt immer zu wenig Plätze, obwohl die Zahl der Räume langsam zunimmt. Die Schülerzahl wächst indes noch mehr, was das Hin und Her nicht zu einem großen Vergnügen macht. Zurzeit ist wieder viel Musik drin: Es geht um die Fuchsberg-Grundschule, die Kolibri-Grundschule und die Grundschule am Schleipfuhl. Zudem beklagen Eltern, dass ihre Kinder, wenn sie im Sommer in die zweite Klasse kommen, jeden Tag acht Kilometer mit dem Bus kutschiert werden sollen. Und wieder zurück.

Zunächst zur Fuchsberg-Grundschule: Die musste sich über Wochen mit dem Gedanken beschäftigen, wieder einige Schüler in die vom Schimmel befallenen Container am alten Standort Dankratweg zu schicken, weil am neuen Standort Habichtshorst der Platz schon nicht mehr reicht. Dabei waren alle froh, als sie im vergangenen Herbst dort einziehen konnten. Und dabei soll es auch bleiben. Die Schulgemeinschaft habe die Vor- und Nachteile abgewogen und sich entschieden, lieber im neuen Gebäude noch näher zusammenzurücken, teilte Schulstadtrat Gordon Lemm (SPD) mit. Um eine vierte erste Klasse aufnehmen zu können (das Gebäude ist eigentlich dreizügig geplant worden), verzichte die Schule lieber auf den Musikraum. Der Standort Dankratweg, erklärt Lemm, hätte mehr Entlastung gebracht: Schließlich gibt es schon jetzt eine vierte erste Klasse und zweite Klassen, die mit bis zu 30 Kindern einfach zu voll sind. Diese Entspannung muss nun warten. Frühestens im Frühjahr 2020 sollen am neuen Standort Container als langfristige Lösung stehen – wenn das Bezirksamt keine archäologischen Zeugnisse findet, dafür aber schnell einen Generalplaner.

Die Schimmel-Container stehen aber nicht umsonst am Dankratweg: In sie sollen ab dem Sommer die zweiten Klassen der Kolibri-Grundschule einziehen. Bis Ende Juli soll das Facility Management unter Stadträtin Juliane Witt (Linke) die vier Bauten für 1,3 Millionen Euro mit neuen Fenstern und Fußböden ausstatten sowie die Innenräume sanieren, sodass sie schimmelfrei sind. Das hatte Lemm auch schon der Fuchsberg-Grundschule zugesichert. Der komplette zweite Jahrgang mit sechs Klassen und 140 Schülerinnen und Schülern soll ausgelagert werden, berichtete der Stadtrat. Der Grund: Auch die Kolibri-Grundschule muss im Sommer mehr Schüler aufnehmen, als es eigentlich Räume gibt: Es gehen vier sechste Klassen, doch es kommen sechs erste. Deshalb soll nun für zwei Jahre eine Filiale am Dankratweg gebildet werden. Die Folge: Jeden Morgen sollen die Schüler mit Bussen von Hellersdorf nach Biesdorf gebracht werden und mittags wieder zurück – denn die Nachmittagsbetreuung wird weiterhin an der Schönewalder Straße stattfinden.

Die Schule ist damit „überhaupt nicht zufrieden“, wie die Leiterin Anke Peters in einem Beitrag auf ihrer Website erklärte. Immerhin lobt sie das grüne Umfeld am Dankratweg, den Platz zum Spielen und die mediale Ausstattung. Die Elternvertretung tritt deutlich schärfer auf: Zwar fügt auch sie sich der Entscheidung, formuliert jedoch zugleich einen „Forderungskatalog“. Die Filiale müsse ein eigenes Sekretariat bekommen, ein eigenes Budget für Sachmittel, eine „funktionierende“ und „gut ausgestattete“ IT-Struktur („einschließlich eines Kopierers“), zwei zusätzliche Lehrer- und Erzieherstellen und ein Kontingent an Taxi-Gutscheinen für Eltern in Härtefällen wie einer akuten Erkrankung oder einem Unfall eines Kindes. Auch für den Hauptstadtort äußern die Eltern Wünsche: Sie möchten doppelt so viele Sozialarbeiter wie bisher und 25.000 Euro für Gewaltprävention haben. Außerdem soll die Turnhalle von 8 bis 16 Uhr ausschließlich der Kolibri-Schule zur Verfügung stehen. Vor allem aber müsse binnen zwei Jahren ein Filialstandort in der Nähe des Hauptsitzes gefunden werden.

Eine „dauerhafte und spürbare Entlastung“ werde es im Norden und Osten Hellersdorfs erst mit dem Neubau der vierzügigen Grundschule am Naumburger Ring für 600 Schülerinnen und Schüler bis 2022 geben, erklärt Lemm hingegen. Von dem Forderungskatalog wolle er aber „so viel wie möglich“ umsetzen, verspricht der Sozialdemokrat. Die dritte Schule, die auf Reisen geht, ist die Grundschule am Schleipfuhl. Wir erinnern uns: Vergangenes Jahr hatte die Senatsverwaltung die Errichtung eines Modularen Ergänzungsbaus abgeblasen, als sie plötzlich feststellte, dass dort seit Jahren eine Tramtrasse freigehalten wird. Nun kommen an diese Stelle Container zur vorübergehenden Nutzung. Die sollen zwar Anfang 2020 fertig sein, doch anschließend soll das Hauptgebäude saniert werden. Für zwei bis drei Jahre werden deshalb sieben Klassen (aus der ersten und dritten Jahrgangsstufe) ins zweite Haus der Marcana-Gemeinschaftsschule in Marzahn ausgelagert, das in diesem Sommer saniert übergeben werden soll.

Lemm macht keinen Hehl daraus, dass er mit dem Hin und Her selbst nicht glücklich ist. Die Ursachen sieht er bei den Umständen und den Verfahren im Land Berlin. Die steigenden Schülerzahlen seien vor allem durch Zuzug bedingt, sagt der Sozialdemokrat – und die Errichtung von Containerbauten dauere mit bis zu zwei Jahren schlichtweg zu lange. Diese Zeitspanne ergibt sich für Lemm aus der Suche nach einem Grundstück, der Beantragung einer Finanzierung und schließlich 15 Monate Planung und Bau. „Ich würde mir hier Ausnahmen in den Bauvorschriften wünschen, wenn Not am Mann ist“, sagt Lemm. „Hier vergeht zu viel Zeit für Prüfungen und die Erfüllung von Normen, die nicht mehr zeitgemäß sind, auch wenn sie zur Zeit der Erlassung vor einigen Jahren sicher ihre Berechtigung hatten.“

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