Namen & Neues

Der Fuchsberg-Grundschule fehlt nicht nur ein Goldnest

Veröffentlicht am 21.05.2019 von Ingo Salmen

Das Goldnest in der Biesdorfer Fuchsberg-Grundschule war schlechter vor Diebstahl geschützt, als bisher gedacht. Unbekannte Einbrecher hatten in der Nacht zu Mittwoch ein Fenster eines Mehrzweckraumes eingeschlagen und waren so zu der hochgesicherten Vitrine im Foyer der Schule gelangt, die sie offenbar mit einer Flex öffneten, um das Kunstwerk zu entwenden. Die Spuren führen ins Clan-Milieu: Wenige Tage vor dem Einbruch hatten zwei junge Intensivtäter und ein Kind offenbar das Gebäude ausgekundschaftet. Dabei war es nach Tagesspiegel-Informationen monatelang tagsüber problemlos möglich, die Schule von innen begutachten.

Elternvertreter Dirk Oehlschläger berichtete mir am Montagabend, dass die Schule zu Unterrichtszeiten für jedermann zugänglich gewesen sei, statt wie üblich nach Unterrichtsbeginn verschlossen und nur auf ein Klingeln aus dem Sekretariat geöffnet zu werden. Dies habe nicht funktioniert, weil der Schließmechanismus automatisch mit dem Scharfstellen der Alarmanlage verbunden war. „Es konnte jeder ein- und ausgehen“, sagte der 41-Jährige, der Vorsitzender der Gesamtelternvertretung (GEV) ist. Zwar gebe es am Eingang eine Pforte. Allerdings: „Der Hausmeister kann auch nicht alle kennen und ist auch nicht immer da.“

Eine weitere Sicherheitslücke bestand mehr als zwei Monate lang vom Innenhof der Schule aus. Nach einem ersten Einbruchsversuch Ende November sei die eingeschlagene Scheibe der Hoftür zunächst nur von außen und innen mit einer Folie beklebt worden, um ein weiteres Zerbröseln der gesplitterten Scheibe zu verhindern, sagte der Elternvertreter. Angeblich sei Ende 2018 kein Geld für eine Reparatur vorhanden gewesen. Als beim Öffnen und Schließen die Splitter weiterhin herausfielen, wurde die Tür abgeschlossen und mit einem Tisch versperrt. Um auf den Schulhof zu gelangen, hätten die Schüler dann durch die Turnhalle oder halb durchs Gebäude gehen müssen, erzählte Oehlschläger. Stattdessen hätten die meisten eine Abkürzung durch die Mensa genommen, weshalb dort ständig die Türen offen standen und die Kinder beim Essen im Durchzug froren.

Durch Tisch und Abschließen war allerdings auch der Hauptfluchtweg auf den Schulhof verriegelt. Eltern informierten den Katastrophenschutz der Senatsinnenverwaltung darüber, eine Holzplatte anstelle der gesplitterten Scheibe löste dieses Problem – und blieb doch gefährlich: Eine Fluchttür darf nicht aus brennbarem Material bestehen und viel mehr Einbruchsschutz bot sie ebenfalls nicht (hier Bilder). Erst in den Winterferien Anfang Februar sei die Tür vollständig wiederhergestellt worden, berichtete Oehlschläger. Ende des Monats war sie jedoch erneut kaputt, weil sich Einbrecher erneut an ihr zu schaffen machen. Diesmal erfolgte die Reparatur allerdings zügig.

„Was kommt als Nächstes?“, hätten besorgte Eltern und Lehrer gefragt, berichtete Oehlschläger aus Gesprächen beim Abholen der Kinder nach dem Unterricht. „Seit dem ersten Einbruchsversuch waren alle unsicher, ob nicht doch mal eine Geiselnahme stattfinden würde.“ Die Schulleitung wäre in solch einem Fall machtlos gewesen: Sie hätte das Gold nicht aus der Vitrine holen können, und einen Notknopf für einen stillen Alarm habe es auch nicht gegeben. „Es wäre dann wohl zu einer Katastrophe geworden.“ Der Idee, der Schule einen Schatz zu schenken, über den sie nach 14 Jahren frei verfügen kann, konnte Oehlschläger durchaus etwas abgewinnen. Sie sei „viel besser“ als alle anderen Vorschläge im Wettbewerb gewesen. Nur hätte er das Nest im Materialwert von 30.000 Euro lieber im Schließfach einer Bank gesehen. Einen Ersatz zu bekommen, würde der Elternvertreter begrüßen. „Die Kinder wünschen sich ein einfaches Nest aus Holz, mit Gold besprüht, aber nicht im Original.“

Der Elternvertreter würde für das Geld ohnehin ganz andere Mängel beheben. „Was nützt mir ein Nest im Kasten, wenn die Kinder draußen einen Hitzekollaps kriegen“, sagte Oehlschläger. Die im vergangenen Jahr neu gepflanzten Bäume auf dem Schulhof böten insbesondere den Hortkindern am Nachmittag noch nicht genügend Schutz vor der Sonne. Deshalb fordert die GEV ein Sonnensegel. Sie wäre sogar bereit gewesen, selbst eine Zwischenlösung zu beschaffen, was jedoch abgelehnt worden sei. Im Gebäude zu bleiben, sei an heißen Tagen auch keine Alternative, weil es sich durch die großzügigen Fensterfronten stark aufheize. „Das ist wie ein Gewächshaus“, sagte Oehlschläger.

Oehlschläger, selbstständiger Bauingenieur, sieht an vielen Stellen „Planungsfehler“: Die Mensa sei so klein, dass keine zwei Klassen gleichzeitig das Essen einnehmen könnten. Schon jetzt kämen immer wieder Schüler verspätet aus der Pause zurück in den Unterricht. Ans nächste Schuljahr, wenn das Essen kostenlos ist und die Nachfrage steigen dürfte, will Oehlschläger gar nicht denken. Bei der Bauaufsicht läuft derzeit auch noch eine Elternbeschwerde: Es gebe einfach zu wenige Toiletten im Gebäude. Schon für die Schülerinnen und Schüler seien sie knapp bemessen, für die Erwachsenen gebe es sogar keine einzige. Diese müssen nach Oehlschlägers Angaben auf die Behindertentoiletten ausweichen. Auch seien keine Parkplätze an der Schule errichtet worden. Stattdessen gebe es Stellflächen in 500 Metern Entfernung an der Köpenicker Straße. Die Folge: Der Schulbus, der die Kinder zum Schwimmunterricht bringe, die Post und der Caterer, der dreimal am Tag Essen anliefere, hielten notgedrungen auf der Spielstraße, die zur Schule führt – und manchmal auch auf den Freihalteflächen für die Feuerwehr.

Gold im Wert von 30.000 Euro hat die Schule vor einer Woche verloren. Aus Sicht der Eltern ist dagegen viel gravierender, dass im vergangenen Jahr 1,5 Millionen Euro, die beim Bau nicht benötigt wurden, einfach verfielen. Dabei gäbe es noch so viel zu tun.- Text: Ingo Salmen / Fotos: Dirk Oehlschläger
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