Namen & Neues

Reichstagsbrand 1933: Eine Spur führt nach Mahlsdorf

Veröffentlicht am 06.08.2019 von Ingo Salmen

Ein Zufallsfund könnte die These, dass ein Einzeltäter am 27. Februar 1933 den Reichstag angezündet hat, ins Wanken bringen. Bei der Erforschung seiner Geschichte ist das Landeskriminalamt Niedersachsen auf ein Dokument aus dem Archiv des Amtsgerichts Hannover gestoßen, das nahelegt, die Nazis könnten selbst den Brand gelegt haben. Das berichtete Conrad von Meding in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (in der kooperierenden „Elbe-Jeetzel-Zeitung“ frei verfügbar). Es handelt sich um eine eidesstaatliche Versicherung des früheren SA-Manns Hans-Martin Lennings aus dem Jahr 1955, der behauptet, den später als alleinigen Täter verurteilten Marinus van der Lubbe mit zwei Kameraden in den Reichstag gebracht zu haben, als dort schon Rauch aufstieg. Den Befehl dazu habe er am Nachmittag in einer Gartenwirtschaft erhalten – und zwar in Berlin-Mahlsdorf. Uwe Soukup griff dieses Detail aus dem Bericht in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zuerst auf, auch die Facebook-Seite „Mahlsdorf live“ ging anschließend darauf ein.

Die vierseitige eidesstattliche Versicherung liegt dem Tagesspiegel inzwischen vor. Lennings benennt darin auch den Namen der Wirtschaft, die er angeblich aufgesucht hat. Die „HAZ“ hatte in ihrem Text auf dieses Detail verzichtet. „Am späten Nachmittag des 27. Februar 1933 hatte ich mich auf Anordnung von Karl Ernst in die Gartenwirtschaft mit der Bezeichnung ‚Schwarzer Kater‘ oder ‚Schwarze Katze‘ in Berlin-Mahlsdorf begeben“, erklärte Lennings mehr als zwei Jahrzehnte später vor einem Anwalt in Hannover. Ernst war Anfang 1933 Führer der SA-Untergruppe Berlin-Ost. Zwei weitere Kameraden, die Lennings nicht namentlich nennen wollte, seien ebenfalls dort gewesen. „Es war in der Wirtschaft ein Mann namens Max Becker, der, wie ich wusste, früher Mitglied des Rot-Front-Kämpferbundes gewesen war und nunmehr als Polizeispitzel diente.“ Er habe den drei Kameraden den Befehl übergeben, in der Lützowstraße, wo sich offenbar ein SA-Lazarett befand, einen Mann abzuholen und zum Reichstag zu bringen. Erst später habe er durch Fotos in Zeitungen erkannt, dass es sich um van der Lubbe handelte, erklärte Lennings.

Kater oder Katze – was stimmt denn nun? Eine Anfrage bei Dorothee Ifland bringt zunächst kein klares Ergebnis. Es habe damals viele kleine Lokale dieser Art gegeben, erläutert die Leiterin des Bezirksmuseums, aber „leider ist mir keine Gartenwirtschaft bekannt, auf die die Angaben wirklich zutreffen“. Eine Spur hat sie dann doch: „Es gab Ende der 1920er-Jahre ein Restaurant ‚Zum strammen Kater‘ in der Hönower Straße 147 (heute Nr. 176)“, schreibt Ifland. Allerdings habe sie keinen Beleg, dass es 1933 noch unter diesem Namen lief und könne auch nicht sagen, ob ein Gartenlokal dazugehörte. Eine erste Recherche im „Berliner Adreßbuch 1933“ (hier digital verfügbar) brachte auch keine abschließende Gewissheit. Für die Hönower Straße 147 existiert darin aber immerhin der Eintrag: „E. Gruhn, F., Gastw. T.“ Soukup gibt in der „FAS“ irrtümlich die falsche Adresse „Hönower Chaussee 147“ für den „Strammen Kater“ an, geht aber davon aus, dass es sich dabei um das Gartenlokal aus der Erklärung des früheren SA-Manns handelte. Lennings habe es zwei Jahrzehnte später „lediglich ungenau erinnert“.

Wer weiß mehr über die Geschichte des Hauses in der Hönower Straße 147, das heute die Nummer 176 trägt? Wie lange gab es dort das Restaurant „Zum strammen Kater“ – und handelte es sich damals auch um eine Gartenwirtschaft? Später befand sich darin das Gasthaus „Zum Müller“ mit Biergarten, heute ist es die Trattoria „Pane e Vino“. Oder existierte doch eine Gartenwirtschaft namens „Schwarzer Kater“ oder „Schwarze Katze“ anderswo in Mahlsdorf? Sachdienliche Hinweise nehmen wir gern per Mail entgegen. Ob die Aussage von Lennings im Ganzen korrekt ist und die lange umstrittene, inzwischen aber mehrheitlich vertretene These vom Einzeltäter van der Lubbe stürzen kann, wird die Geschichtswissenschaft prüfen müssen. In der „Welt“ kam Redakteur Sven Felix Kellerhoff, selbst ein Historiker, der sich mit dem Reichstagsbrand befasst hat, in einer ersten Einordnung zu dem Schluss, dass Lennings‘ Aussage nicht stimmen könne. Sie widerspreche den Ermittlungsakten. Die stammten freilich von den Nazis selbst. – Text: Ingo Salmen

Anmerkung: In einer früheren Fassung dieses Artikels hatten wir die ursprüngliche Berichterstattung ungenau zitiert: Die erste Veröffentlichung stammt aus der „HAZ“, die „EJZ“ hat sie übernommen. Jene Version unseres Beitrags nahm auch noch nicht Bezug auf die „FAS“-Veröffentlichung zu Mahlsdorf. Nach einem Hinweis von „HAZ“-Autor Conrad von Meding haben wir den Text entsprechend ergänzt. Wir bitten, diese Nachlässigkeit zu entschuldigen.

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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf entnommen. Den – kompletten – Bezirksnewsletter, den wir Ihnen einmal pro Woche schicken, gibt es unkompliziert und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de.

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