Namen & Neues

Reichstagsbrand: Mehrere Hinweise auf Mahlsdorfer Gartenlokal

Veröffentlicht am 13.08.2019 von Robert Klages

Haben die Nazis am 27. Februar 1933 den Reichstag angezündet – und welche Rolle spielte eine Gastwirtschaft in Mahlsdorf dabei? Auf unseren Bericht von vergangener Woche gab es eine Reihe von Rückmeldungen. Die erste stammte von dem Autor der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“, der mit seinen Recherchen ein bis dahin unbekanntes Dokument zu Tage gefördert hatte, das Zweifel an der weithin vertretenen Einzeltäter-These aufkommen lässt: Conrad von Meding wies darauf hin, dass zuerst Uwe Soukup in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ am 28. Juli näher auf das Mahlsdorfer Gartenlokal eingegangen war, das Hans-Martin Lennings in seiner eidesstattlichen Erklärung erwähnt hatte. Der frühere SA-Mann hatte 1955 vor einem Anwalt versichert, er habe dort am Nachmittag vor dem Brand einen Befehl erhalten, einen Mann abzuholen und zum Reichstag zu bringen, der sich später als Marinus van der Lubbe herausstellte und schließlich für den Brand verurteilt wurde.

Soukup stuft die Aussage des einstigen SA-Manns auch deshalb als bedeutend ein, weil die überprüfbaren Fakten stimmen. Das macht er auch an der Mahlsdorfer Gartenwirtschaft fest, die Lennings als „Schwarzer Kater“ oder „Schwarze Katze“ benannte. Gemeint sein könnte die Gaststätte „Zum strammen Kater“ in der Hönower Straße 147. Soukup gibt in der „FAS“ irrtümlich die falsche Adresse „Hönower Chaussee 147“ dafür an, geht aber davon aus, dass es sich dabei um das Gartenlokal aus der Erklärung handelte. Lennings habe es zwei Jahrzehnte später „lediglich ungenau erinnert“.

Weitere Hinweise trafen bald ein. Auch der Publizist Hersch Fischler aus Düsseldorf meldete sich. Auf ihn hatte von Meding im „HAZ“-Artikel Bezug genommen, denn er hatte die eidesstattliche Erklärung von Ex-SA-Mann Lennings zuerst entdeckt. Fischler lieferte eine Quelle, die darauf schließen lässt, dass das Lokal „Zum strammen Kater“ auch im Jahr 1933 noch existierte. Die Leiterin des Bezirksmuseums, Dorothee Ifland, hatte das nicht mit Sicherheit sagen können. Der Publizist verwies nun auf eine Veröffentlichung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand aus dem Jahr 1998. Hans-Rainer Sandvoß zitierte auf Seite 23 des Bandes „Widerstand in Friedrichshain und Lichtenberg“ (hier als PDF, 118 MB) einen Zeitzeugen: „1932 hielt die Mahlsdorfer SPD eine zentrale Wahlkundgebung bei ‚Anders‘ ab, ein Lokal und Saalbau nördlich vom S-Bahnhof Mahlsdorf und südlich des Rohrpfuhls (dort, wo heute Kaisers Verbrauchermarkt liegt). […] Nach Abschluss der Kundgebung zogen Teilnehmergruppen die Hönower Straße hoch als sie in die Nähe des SA-Lokals ‚Strammer Kater‘, Ecke Burggrafenstraße kamen, wurden sie von dort aus beschossen.“ Nicht ganz stimmig ist hier allerdings der Verweis auf die Burggrafenstraße. Der „Stramme Kater“ befand sich zwei Straßen weiter nördlich, an der Ecke zur Karlshafener Straße – wie bis heute die Trattoria „Pane e Vino“ unter der neuen Hausnummer 176.

Ein ehemaliger Kriminalkommissar im Berlin der 50er-Jahre hatte Fischler, wie er berichtete, auf diese Erwähnung des „Strammen Katers“ gestoßen: Waldemar Horster aus dem sächsischen Krostitz. Auch er nahm umgehend Kontakt auf. „Die von Ihnen erwähnte Gaststätte wurde etwa 1925 vom Ehepaar Gruhn errichtet. Sie wird verschiedentlich in der Niederbarnimer Presse als Treffpunkt des Kriegervereins und anderer Vereine unter dem Namen „Strammer Kater“ genannt.“ Auch die Bushaltestelle vor der Tür habe den Namen „Strammer Kater“ getragen. „1933 ging die Gaststätte plötzlich in fremden Besitz über“, schrieb Horster. Über den weiteren Verbleib der Wirtsleute Fritz und Maria Gruhn habe er nichts in Erfahrung bringen können. „Das Schicksal des Ehepaars Gruhn interessiert mich sehr.“

Die Gruhns waren jedenfalls noch im vergangene Woche zitierten Adressbuch für das Jahr 1933 verzeichnet: „E Gruhn, F., Gastw. T“, stand dort. Das „E“ stand dabei für „Eigentümer“, wie der Historiker Rainer Orth aus Frankfurt am Main in einer Mail erläuterte. In der Personendatenbank des Bundesarchivs kämen zwei Einträge in Betracht, schrieb er: Fritz Gruhn, geb. 29. Januar 1873, zu dem zwei Akten vorliegen, nämlich ein Fragebogen der Parteistatistischen Erhebung der NSDAP von 1939 sowie eine Akte mit Parteikorrespondenz der NSDAP; außerdem ein 1903 geborener Friedrich Gruhn, zu dem sich ebenfalls ein Bogen der Parteistatistischen Erhebung von 1903 findet. Orth wies wie Fischler auch auf eine Ansichtskarte aus den späten 20er-Jahren hin (hier online), in der das Restaurant „Zum strammen Kater“ durchaus wie eine Gartenwirtschaft daherkommt – ein weiteres Indiz, dass Lennings, als er zwei Jahrzehnte später vom „Schwarzen Kater“ sprach, genau dieses Lokal gemeint haben könnte.

Die Spuren sollen bis heute in Mahlsdorf sichtbar sein, wie Fischler unter Bezug auf Horster berichtet: In der Trattoria gebe es eine Wandmalerei, die das Haus in der Hönower Straße in seinem früheren Leben zeigt. Inschrift über dem Eingang: „Mit dem strammen Kater fing alles an“.

P.S.: Vergangene Woche hatten wir die Berichterstattung zum Reichstagsbrand ungenau zitiert: Die erste Veröffentlichung stammt aus der „HAZ“ und nicht, wie angegeben, aus der „Elbe-Jeetzel-Zeitung“, die sie übernommen und frei ins Internet gestellt hatte. Fälschlicherweise hatten wir auch erklärt, die Facebook-Seite „Mahlsdorf live“ habe zuerst den Bezug zu Mahlsdorf besonders herausgestellt; das hatte kurz zuvor bereits die „FAS“ getan. Eine überarbeitete Fassung unserer Meldung von vergangener Woche finden Sie hier. Wir bitten für diese Nachlässigkeiten um Entschuldigung.

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