Namen & Neues
Sein Sohn wird bedroht - und Gunnar Lindemann teilt aus
Veröffentlicht am 12.11.2019 von Ingo Salmen
Der Sohn des Marzahner AfD-Abgeordneten Gunnar Lindemann hat an seiner Biesdorfer Schule offenbar Morddrohungen erhalten. Drei Mitschüler im Alter von 15, 16 und 18 Jahren, die nicht mit ihm in einer Klasse sind, sollen dem 16-Jährigen entsprechende Nachrichten geschickt haben. Darin sei etwa die Rede davon gewesen, ihn „abstechen“ zu wollen, wie der Vater meinem Kollegen Julius Betschka sagte. Lindemanns politische Aktivitäten könnten Anlass für die Drohungen gewesen sein. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt deshalb in dem Fall, nachdem sich der Junge am Freitag an die Schulleitung gewandt hatte.
Daran kann es keinen Zweifel geben: Gewalt gehört nicht ins Vokabular zivilisierten Streits, die Drohung damit ebensowenig. Kinder haften nicht für ihre Eltern. Und all das sollte nicht politisch instrumentalisiert werden. Dumm nur, dass Vater Lindemann genau das macht. Am Montagvormittag verschickte er eine Pressemitteilung voller Bezichtigungen. Die Drohungen gegen seinen Sohn führte er auf „Gewaltaufrufe der Altparteien“ zurück, die womöglich am Ende noch Preise vergeben würden, wenn jemand für ihren „Machterhalt“ morden würde. Marzahn-Hellersdorfs Schulstadtrat Gordon Lemm (SPD) warf er vor, „die Morddrohung gegen meinen Sohn auf Facebook zu relativieren“. Zwar habe Lemm in einem Facebook-Post zunächst die Drohungen verurteilt, dann aber behauptet, es sei „die AfD, die mit ihren Äußerungen zu einem Klima des Hasses beitrage“.
Damit zitierte Lindemann den Stadtrat nicht nur falsch, sondern auch unvollständig. In seinem Facebook-Eintrag hatte Lemm die Drohungen ganz unabhängig von der politischen Tätigkeit des Vaters schon deshalb als völlig inakzeptabel bezeichnet, weil jedes Kind ohne Angst zur Schule gehen sollte. An keiner Stelle nannte Lemm die AfD als Ganzes. „Dass einige in der AfD mit ihren Äußerungen zu einem Klima des Hasses in unserer Gesellschaft beitragen“, schrieb er vielmehr, „darf keine Rechtfertigung für Drohungen oder Gewalt sein.“ Den zweiten Teil des Satzes hatte Lindemann in seiner Mitteilung weggelassen.
Lindemann verwendete umso mehr Worte darauf, die Polizei zu kritisieren. Er sei „angesichts der bisherigen Maßnahmen der Berliner Polizeiführung mehr als befremdet“, teilte er mit. Bislang sei „anscheinend keiner der mutmaßlichen Täter von der Polizei befragt worden“, schrieb er weiter. „Das Einzige, was die Polizeiführung in dieser Sache bisher bewerkstelligen konnte, war die Herausgabe einer Pressemitteilung.“ Auch das stimmt so nicht. Zwar hat die Polizei noch keinen der drei Verdächtigen vernommen. Doch ist sie keineswegs untätig geblieben. Wie der Tagesspiegel aus Ermittlerkreisen erfuhr, wurden am Montagmorgen Vorladungen für Vernehmungen verschickt. Um unmittelbar auf die Schüler einzuwirken, bekamen mindestens zwei von ihnen auch persönlichen Besuch von der Polizei: in Form sogenannter Gefährderansprachen. Danach gehen auch harte Jungs nicht einfach zur Tagesordnung über.