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Tesla nach Marzahn? Chancen, Versäumnisse – und die Sache mit dem Hubschrauber

Veröffentlicht am 19.11.2019 von Ingo Salmen

Tesla nach Marzahn? Chancen, Versäumnisse – und die Sache mit dem Hubschrauber. 150.000 Autos im Jahr, 10.000 Jobs, vier Milliarden Euro Investition: Die überraschende Ankündigung von Tesla-Chef Elon Musk, die europäische Gigafactory des Autobauers im Speckgürtel Berlins zu errichten, hat Wellen der Euphorie in der Metropolregion ausgelöst. Schon im Sommer 2021 könnten nach optimistischen Schätzungen die ersten E-Autos vom Typ Model Y, ausgerechnet einer der in der Hauptstadt so beliebten SUV, in Grünheide vom Band laufen. Grünheide? Das liegt doch gleich um die Ecke von Marzahn-Hellersdorf – was natürlich die Phantasie beflügelt. Elektroautos hätten auch perfekt zum Cleantech Business Park in Marzahn gepasst. Der ist 90 Hektar groß, steht beinahe noch leer und ist einst für nachhaltige Technologien erschlossen worden. Nur reicht das für die Großfabrik bei weitem nicht: 300 Hektar will sich Tesla in Brandenburg sichern – ausreichend Erweiterungsflächen eingeschlossen, die es in Marzahn ebensowenig gegeben hätte wie einen Bahnanschluss für den Güterverkehr.

Doch Berlin soll nicht leer ausgehen: In der Hauptstadt will Tesla ein Design- und Entwicklungszentrum ansiedeln. Ob das nicht etwas für den Cleantech Park wäre? Die Linken-Abgeordneten Manuela Schmidt und Kristian Ronneburg, zugleich Bezirksvorsitzender seiner Partei, stellten umgehend die Nähe Marzahns zum szenigen Teil Berlins heraus. Der Cleantech Business Park sei „sowohl über die Schiene als auch über die Straße gut und schnell mit der Mitte der Stadt verbunden“, schrieben sie. Auch Wirtschaftsstadträtin Nadja Zivkovic (CDU) würde ein Tesla-Designzentrum in Berlin begrüßen.

Neben der Nähe zu Grünheide, das nur eine halbe Autostunde entfernt liegt, nannte die CDU-Politikerin im Gespräch mit dem Tagesspiegel zahlreiche innovative Mittelständler im weiteren Umfeld und die angedachte Ansiedlung einer Hochschuleinrichtung im Rahmen des Projekts der Berliner Zukunftsorte als Vorzüge des Standorts. Zivkovic dämpft allerdings die Erwartungen: Eine Hürde könnte sein, dass die Förderrichtlinien für den Business Park produzierendes Gewerbe einfordern. Die Senatswirtschaftsverwaltung müsse entscheiden, ob ein Design- und Entwicklungszentrum noch darunterfalle oder ob das Land gegebenenfalls eine Teilrückzahlung von Fördergeldern in Kauf nehme, sagte die Stadträtin. „Wir als Bezirk würden uns da keineswegs querstellen.“

Dass zwei große Verkehrsprojekte der Umsetzung harren, schmälert allerdings die Chance des Bezirks auf einen Zuschlag. Zum einen betrifft das die Verbindung nach Grünheide über den Berliner Ring: Nach anderthalb Jahren sei es den Ländern Berlin und Brandenburg noch immer nicht gelungen, eine mündliche Vereinbarung zur Ortsumfahrung Ahrensfelde schriftlich zu fixieren, sagte Zivkovic. Sie soll einen Dauerstau im Berliner Nordosten auf dem Weg zur Autobahn auflösen. Zum anderen ist auch die Schnellstraße TVO bis heute nicht gebaut. Sie soll die Märkische Allee bis Köpenick verlängern und würde auch die Anbindung eines Tesla-Zentrums an den Flughafen BER verbessern. „Die Planungen stammen noch aus DDR-Tagen“, sagte Zivkovic über die beiden Projekte. „Das ist untragbar.“

Jahrelange Versäumnisse des Landes werden somit zum Standortnachteil für Marzahn. Allerdings scheint der Cleantech Park noch nicht völlig raus zu sein aus der Tesla-Verlosung. Wie der Tagesspiegel von zwei verschiedenen Quellen erfuhr, haben die landeseigenen Wirtschaftsförderer von Berlin Partner noch am Montag vergangener Woche beim Bezirk um eine Landeerlaubnis für einen Hubschrauber im Cleantech Park ersucht – und zwar für den darauffolgenden Tag. An jenem Dienstag war Tesla-Boss Musk in der Stadt und verkündete abends die Ansiedlung der Gigafactory. Anscheinend wollten seine Berliner Gesprächspartner auf alle Eventualitäten und jeden Wunsch des schillernden Investors vorbereitet sein – auch wenn das offiziell niemand bestätigen will, zu groß ist die Sorge, den US-Konzern zu verprellen. Der Haken: Eine Hubschrauberlandung hat am Dienstag im Cleantech Park ohnehin niemand gesichtet. – Text: Ingo Salmen

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    Diesen Text haben wir dem Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.
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