Namen & Neues

Teddys Reise nach Biesdorf - und die glückliche Rückkehr

Veröffentlicht am 09.06.2020 von Ingo Salmen

Ein Hilferuf aus Marzahn machte seit Samstagabend die Runde bei Twitter: „Liebes Team“, schrieb die „Feine Frau Steffi“ dort um 18.37 Uhr an die Berliner S-Bahn, „mein Sohn hat eben seinen Teddy verloren in der S-Bahn. Er ist mit Oma am Bahnhof Biesdorf ausgestiegen. Da war er leider nicht zu finden. Vielleicht haben wir ja Glück und er findet den Weg zu uns zurück.“ Binnen weniger Stunden wurde der Tweet mehr als 700 Mal geteilt, ähnlich verhielt es sich mit einem flehentlichen Facebook-Eintrag. Doch der Teddy blieb über Nacht verschwunden. Dann, zu später Stunde um 1.34 Uhr in der Nacht zu Montag, die erlösende Nachricht: „Teddy ist wieder da !!! Wir freuen uns riesig!“

Was war passiert? Auf meine Anfrage hin erzählte Steffi die ganze Geschichte. Ihre Mutter wohnt in Biesdorf und holt den zweijährigen Enkelsohn Frederick gern für Ausflüge ab. „Am liebsten fahren die beiden S-Bahn und erkunden die Welt“, schrieb Steffi mir. „Da am Samstag am Alexanderplatz die Demo war, sind sie Richtung Strausberg rausgefahren mit der S5.“ Da musste Teddy, so heißt der kleine Bär auch, natürlich mit. Allerdings weiß jedes Kind: So eine richtig dolle Oma gibt am Ende noch ein Eis aus.

In den Genuss sollte natürlich auch Frederick kommen, deshalb stiegen sie auf dem Rückweg am S-Bahnhof Biesdorf aus und stapften die Oberfeldstraße hoch, um sich bei Eis Michel eine Kugel oder zwei zu gönnen. „Da fiel es der Oma plötzlich auf. Der Teddy ist weg“, erzählte Steffi. „Überall suchen half nix, keiner hatte ihn gesehen, nirgendwo wurde er abgegeben.“ Also schloss Fredericks twitternde Mama später daraus: Dann muss Teddy wohl in der S-Bahn sitzen geblieben sein. „So zumindest die Theorie.“

Doch auch das weiß jedes Kind: In der Praxis sieht das alles noch mal anders aus. Sonntagabend bekam die Oma – sie hatte selbst bei Facebook ordentlich getrommelt – eine Nachricht einer jungen Frau, die einen Stoffbären, auf den Beschreibung und Fahndungsfoto von Teddy passten, zwischen Bahnhof und Eisdiele auf einem Zaun gesehen hatte. Was macht eine patente Oma, sofern sie nicht gerade mit dem Motorrad durch den Hühnerstall brettert? Schwingt sich natürlich sofort aufs Rad, düst los und sammelt den entlaufenen Teddy am beschriebenen Ort wieder ein. „Da hat er gewartet, und alle waren wieder ein Stück glücklicher.“

Mehr als zwei Tage musste der kleine Frederick nun ohne seinen tierischen Freund auskommen. Immerhin konnte er noch mit einem Zwillingsbruder von Teddy kuscheln, aber in Gedanken war er doch bei ihm. An diesem Dienstag will Mama mit ihm zur Familienzusammenführung bei der Oma nach Biesdorf fahren. „Unser Sohn war sehr tapfer“, erzählte Steffi. „Er hat ihn mit gesucht, nach ihm gerufen und wollte am liebsten jede S-Bahn durchsuchen. Er hat nicht einmal geweint.“ Deshalb versteht sie auch nicht, dass einige, die in den sozialen Medien von dem Verlust lasen, meinten, man solle Kuscheltiere bloß nicht vermenschlichen, dann gebe es auch keine Tränen.

Viel mehr hat sich Steffi aber über die große Hilfsbereitschaft gefreut, die sich schon durch Teilen der Beiträge ausdrückte – was letztlich auch zum Erfolg führte. Gerade in Zeiten des Abstandhaltens sei es „wunderbar“ zu erfahren, dass es so viele Menschen „mit dem Herz am rechten Fleck“ gebe. Und wenn Sie auch dazugehören, dann halten Sie doch in nächster Zeit einfach mal die Augen offen, wenn Sie durch Ihre Nachbarschaft spazieren. Es gibt viel mehr verlorene Kuscheltiere, als man denkt. „Schon wieder Biesdorf!“, schrieb eine Frau bei Twitter. Genau, dort ist erst Ende April Wildschein Rudi ausgebüxt – und bis heute nicht wieder aufgetaucht.