Namen & Neues

"Neue Berliner Luft": Projekt mit Ladelaternen droht zu platzen

Veröffentlicht am 21.07.2020 von Ingo Salmen

Tesla steht schon vor den Toren: Der Bau der „Gigafactory“ im brandenburgischen Grünheide wird vorangetrieben, obwohl die Hauptgenehmigung noch aussteht, im Schöneberger Gasometer könnte ein Design- und Entwicklungszentrum entstehen oder gleich die Europazentrale – doch wie ist es eigentlich um die Elektromobilität in Marzahn-Hellersdorf bestellt? Kurz gesagt: nicht gut. Gemeinsam mit Steglitz-Zehlendorf war der Bezirk als Modellregion für das Pilotprojekt „Neue Berliner Luft“ ausgewählt worden. Jeweils 500 Ladepunkte sollten in den kommenden Jahren in vorhandenen Straßenlaternen installiert werden, die ersten schon im vergangenen Herbst – doch bisher gibt’s nirgendwo einen Anschluss. Das Projekt steht derzeit auf der Kippe.

Wo ist das Problem? „Im Fortschritt des Projekts wurde festgestellt, dass die derzeit bundesweit geltenden technisch-regulatorischen Anforderungen an Ladeinfrastruktur eine Realisierung in öffentlichen Beleuchtungsmasten nicht wie geplant erlauben“, teilt Jan Thomsen, Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung, auf Tagesspiegel-Anfrage mit. „Die Probleme bestehen insbesondere in den in Deutschland geltenden Normen zum Platzbedarf für die entsprechende Technik (ein Laternenmast ist dafür zu eng) und aus rechtlichen Unklarheiten, was den Betrieb und die messtechnischen Anforderungen mobiler Messstellen angeht.“

Die Partner haben sich von der Kernidee vorerst verabschiedet: Ladekabel und Anschluss in Straßenlaternen zu integrieren. Um das „Projekt ElMobileBerlin-AMLab“, wie die offizielle Bezeichnung lautet, zu retten, haben die Verkehrsverwaltung und die Firma Ubitricity, die das Netz aufbauen soll, eine Alternative überlegt: Ladestationen außen an den Laternen anzubringen. „Angestrebt wird nun der Aufbau von normgerechten Ladepunkten außen an öffentlichen Beleuchtungsmasten“, schreibt Thomsen. „Damit könnten sowohl das Platzproblem als auch die betriebs- und messtechnischen Unsicherheiten gelöst werden.“ Der Vorschlag liegt nun beim Projektträger DLR, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das auch in der Elektromobilität aktiv ist, und dem Bundeswirtschaftsministerium als Fördermittelgeber. Sie müssen ihr Einverständnis geben – Zeitpunkt: offen.

Von ihrer Technologie ist die Firma Ubitricity weiterhin überzeugt – und verweist auf eine andere europäische Metropole. „In London gibt’s das schon“, sagt Firmensprecherin Nicole Anhoff-Rosin dem Tagesspiegel. Die Normen in Großbritannien seien weniger streng. 2000 Ladelaternen habe Ubitricity in der britischen Hauptstadt bereits eingerichtet, bis Ende des Jahres soll die Zahl auf 3000 steigen. Die Boroughs, Londons Bezirke, und die Stadt insgesamt seien sehr interessiert gewesen, die Ladestationen in die Laternen zu integrieren, schon allein aus ästhetischen Gründen. „Eine ist sogar in einer 150 Jahre alten Laterne vor dem Finanzministerium“, sagt Anhoff-Rosin. Im Film „Spectre“ habe schon James Bond seinen Wagen davor geparkt – wenn auch nicht aufgeladen.

Ubitricity führt auch den Schutz vor Vandalismus als zentrales Argument für die Technologie an. Deshalb ist die Firma auch noch nicht an den deutschen Normen verzweifelt. „Diese Lösung würden wir natürlich gern im deutschen Markt unterbringen“, sagt die Firmensprecherin.