Namen & Neues

Was hinter dem Bildungscampus in Mahlsdorf steckt

Veröffentlicht am 28.07.2020 von Ingo Salmen


Was steckt denn nun hinter dem großen Bildungscampus in Berlin-Mahlsdorf? Die Nachricht kam aus dem Nichts: Nicht nur eine neue Schule plant eine private Initiative in Mahlsdorf, nein, auf dem 30.000 Quadratmeter großen Gelände zwischen Pilgramer Straße und der Landesgrenze zu Brandenburg soll gleich ein ganzer „Bildungscampus“ entstehen. Die dazugehörige Pressemitteilung war voller Imponiervokabeln wie Hochschule, Akademie für Lehrer und EdTech-Lab, doch vieles blieb dabei auch noch vage. Was steckt hinter dem Projekt? Einen Teil können wir nun vielleicht aufklären, nachdem wir länger mit Anja Best telefoniert haben. Die Rechtsanwältin aus Karlshorst ist Gesellschafterin und Co-Geschäftsführerin der Bildungscampus Verwaltung und Betrieb UG.

Eine Zahl stellt sie sofort richtig: Zwar sei in der Mitteilung von 2000 Schüler*innen die Rede, doch damit sei die Gesamtzahl aller Lernenden auf dem Campus gemeint. Die Schule sollten im Vollbetrieb rund 1500 Kinder und Jugendliche von der 1. bis zur 13. Klasse besuchen – aber die Schule bilde auch den Schwerpunkt des Projektes. Geplant seien eine Grundschule (Stufen 1-6), eine Integrierte Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe (7-13) und daneben ein gymnasialer Strang (7-12). „Wir würden gern mit dem weiterführenden Bereich in den Klassen 7 und 11 beginnen“, sagt Best. Dort werde es in Mahlsdorf in den nächsten Jahren eine „akute Notsituation“ geben – auch wenn Oberschulplätze immer berlinweit kalkuliert werden. Die Grundschule sei zweizügig geplant, die Sekundarschule bis zu vierzügig.

Zwei Anliegen sind Best besonders wichtig: Digitalisierung der Bildung und Berufsorientierung durch Kontakt zu Unternehmen. „Da dürfen dann auch mal Unterrichtsstunden durch Leute aus der Wirtschaft angeboten werden.“ Das Ziel müsse nicht immer ein Studium sein. „Wir möchten die duale Ausbildung wieder stärken.“ In den Zusammenhang der Digitalisierung stellt sie auch andere, erst später folgende Elemente auf dem Bildungscampus: die Akademie zur Weiterbildung von Lehrern etwa, das EdTech-Lab, das kleineren Unternehmen die Möglichkeit geben soll, Technologien für den Bildungsbereich zu entwickeln und gleich in der schulischen Praxis zu testen.

Unter der Hochschule wiederum dürfe man sich keine Riesen-Uni vorstellen, sondern vielmehr die Filiale einer bestehenden Einrichtung, die eine Mischung aus Präsenz- und Fernstudium anbiete. „Wir werden keine eigene Hochschule gründen“, sagt Best. Vielmehr würden Gespräche über eine Kooperation mit einer „internationalen Hochschule“ laufen. Ihr Mitgesellschafter und Co-Geschäftsführer Wolfgang Laier habe zahlreiche Kontakte in diesem Bereich. „Es gibt viele Hochschulen in Europa oder international, für die Berlin interessant ist.“ Dünner bleiben die Angaben noch beim Generationencampus für den sozialen Austausch, der in 500 Metern Entfernung vorgesehen sei. Erst mal zurückgestellt: eine Kita, da gebe es momentan keine Not mehr.

Wer verbirgt sich hinter der Initiative? Die treibenden Kräfte sind nach eigenen Angaben Best und Laier. „Alles geht über unseren Schreibtisch“, sagt die 44-Jährige. Best selbst hatte die ersten Gedanken an eine Schulgründung vor acht oder neun Jahren, wie sie erzählt. Sie sah die vielen Neffen und Nichten, ihre beiden eigenen Kinder – und Schulen, die sie nicht zufriedenstellten. „Das muss doch auch anders gehen“, fand sie. Und: „Ich war schon immer sehr bildungsverliebt.“ Sie dachte schon immer an etwas Größeres als eine Schule allein, sagt Best am Telefon. Im Austausch mit vielen Eltern stieß sie auf eine Familie aus Mahlsdorf, die das ähnlich sah – und ein Grundstück von 30.000 Quadratmetern besaß. Die Familie wolle nicht öffentlich in Erscheinung treten, aber man sei sich schnell einig gewesen, dass hier eine Schule entstehen sollte. Und mit der Größe der Fläche wuchsen auch die Pläne.

Ihren Kompagnon aus Baden-Württemberg lernte Best im Laufe der Zeit kennen, sie trafen sich irgendwie in der Bildungswelt, genauer geht die Berlinerin nicht darauf ein. Laier betreibt in Schwetzingen, wo auch die Unternehmergesellschaft für den Bildungscampus registriert ist, den Software-Dienstleister Enterra, der Unternehmen bei der digitalen Transformation berät und mit den Industrie- und Handelskammern das Portal Gründungswerkstatt Deutschland entwickelt hat. Von einem „Team“ und einem „Netzwerk“ spricht Best auch, ohne näher zu benennen, wer dazu gehört.

Für den Bau des Campus sollen private Geldgeber aus Deutschland bereitstehen. „Wir sind mit Investoren vertraglich verbunden“, sagt Best. Das Land gebe für den Bau keinen Zuschuss, sondern erst im Betrieb 93 Prozent zu den Personalkosten der Lehrkräfte. Der Rest soll über Schulgeld hereinkommen, das wie bei anderen Privatschulen in Berlin einkommensabhängig gestaffelt werde – auch auf deren Niveau. „Es geht leider nicht anders.“ Die Unternehmergesellschaft errichte zunächst einmal nur die Gebäude, betont Best. Ein Schulträger müsse erst noch gegründet werden, voraussichtlich als gemeinnützige GmbH.

Vier bis fünf Jahre nach Baubeginn könnte die Schule im Vollbetrieb arbeiten, sagt Best. Und mit dem ersten Gebäude würden sie gern in diesem Jahr beginnen. „Wir sind vorbereitet auf den Start“, sagt sie, es habe schon Gespräche mit Bauträgern gegeben. Die Einreichung des Bauantrags stehe kurz bevor. Die Anwältin verbirgt nicht, dass sie lieber erst mit einer Baugenehmigung in der Tasche an die Öffentlichkeit gegangen wäre, doch der CDU-Abgeordnete Mario Czaja machte das Projekt Anfang Juli publik. „Wir haben jetzt schon Anfragen von Eltern, die Kinder anmelden wollen.“ Im Bezirksamt jedoch sei das Thema nicht erst seit diesem Monat bekannt. Es gebe schon seit mehreren Jahren Gespräche, sagt Best.

Der Bezirk bestätigt die Darstellung von Best. Man stehe schon länger mit den Grundstückseigentümern oder deren Vertretern wie Best „in konstruktivem Kontakt“, teilt der Leiter des Stadtentwicklungsamts, Sascha Richter, auf Tagesspiegel-Anfrage mit. Das Projekt Bildungscampus sei dem Fachbereich erstmals im März 2018 vorgestellt worden. Zwar lägen bislang keine genauen Planungsunterlagen vor, doch werde die Nutzungsabsicht positiv beurteilt, da der Campus städtebaulich zu einer Integration des Porta-Möbelhauses führen könnte.

Dass es noch 2020 einen Baubeginn geben könnte, glaubt Richter allerdings nicht. Dieser Termin sei „zu optimistisch“, erklärt der Stadtplaner. Grund sind noch mehrere Verfahrensschritte zur Erstellung eines Bebauungsplanes. Zwar sei 2013 ein Aufstellungsbeschluss gefasst worden und entgegen erster Überlegungen für reine Wohnbebauung nun auch ein Mischgebiet vorgesehen, was im Sinne der Eigentümerin eine Schule erlaube, doch nach der frühzeitigen Bürgerbeteiligung im Frühjahr 2018 stehe nun noch die Beteiligung von Behörden und Verbänden sowie der Öffentlichkeit an. Nötig sei etwa ein Gutachten zur Regenwasserbewirtschaftung. Am Ende gebe es zudem eine Rechtsprüfung des Bebauungsplanes durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. „Zu diesem Zeitpunkt ist frühestens eine Baugenehmigung in Aussicht zu stellen“, teilt Richter mit. Die Initiative braucht also noch einen langen Atem.

Vor etwa anderthalb Jahren hatte auch Schulstadtrat Gordon Lemm (SPD) Besuch. Er muss rein formal bescheinigen, dass es einen Bedarf an Kita- und Schulplätzen geben könnte. Bei der Kinderbetreuung sieht er den bei 60 Plätzen, im Grundschulbereich bei einem Zug, bei der Oberschule bei zwei bis drei Zügen, sagt er dem Tagesspiegel. „Die Grundidee ist schön“, sagt Lemm über das Projekt. Allerdings kenne er von den eigenen Bauprojekten des Bezirks die vielen „Fallstricke“. An einen Baubeginn in diesem Jahr glaubt auch er nicht. Doch er hoffe, dass sich der Optimismus der Initiative bestätige. – Text: Ingo Salmen
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