Namen & Neues

Die ASH und die Frage nach dem studentischen Leben in Marzahn-Hellersdorf

Veröffentlicht am 17.08.2021 von Paul Lufter

Seit Jahren bemängeln Anwohner*innen und Studierende der Alice Salomon Hochschule (ASH) die Aufenthaltsqualität auf dem Alice-Salomon-Platz. Dass sich beide Parteien in der Vergangenheit darüber ausgetauscht haben, ist eher unwahrscheinlich. Kontakt zwischen Studierenden und Anwohner*innen hat es in der Vergangenheit nur sporadisch gegeben. Überhaupt würde das studentisches Leben im Bezirk fehlen, meinen einige. Zu ihnen gehört Adam Page von der Projektgruppe „neue Gesellschaft für bildende Kunst“ (nGbK) und Lehrbeauftragter an der ASH.

„Wo ist in Marzahn-Hellersdorf die Stimmung, die Unis eigentlich mitbringen?“, fragt Page. Für Ihn hängt das Problem mit der Gestaltung des Platzes zusammen. Vor zweieinhalb Jahren hat Page im Auftrag des Quartiersmanagements mit der „station urbaner kulturen“ das Projekt „Die Pampa lebt“ durchgeführt. Dabei kam heraus, dass sich auch die Anwohner*innen eine Belebung von Helle Mitte wünschen. „Vor Ort gibt es unglaublich viel ungenutztes Potenzial“, sagt Page. Im Juni hat Page deshalb gemeinsam mit Elène Misbach, Referentin für Transfer, Kooperationen & Third Mission an der ASH, und Andrea Plöger, Professorin für Soziale Kulturarbeit mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik, auf dem Alice-Salomon-Platz ein öffentliches Seminar veranstaltet.

Im Rahmen des Seminars „Werkstatt II Soziale Kulturarbeit“ suchten Studierende gemeinsam nach Ideen für die Gestaltung des Platzes. Für viele war es der erste Tag an der eigenen Uni, da ein Großteil der Veranstaltungen aufgrund des Lockdowns bisher nur digital stattfinden konnte. Am Ende gab es eine ganze Reihe von Ideen für den Platz. Dazu gehörten unter anderem öffentliche Vorlesungen, eine Mensa für alle, ein Café, Tischtennisplatten, die Begrünung des Platzes bzw. die Anlegung von Gärten.

Misbach will die Ideen diese Woche auf einem nachbarschaftlichen Treffen zum Thema Helle Mitte vortragen. „Ich bin gespannt, wie unsere Ideen aufgenommen werden“, sagt sie. „Außerdem müssen wir gucken, was umsetzbar ist, nicht nur in Bezug auf das Budget, sondern auch wenn es um Regeln für die Partizipation geht.“ Eine Umgestaltung des Platzes könnte auch das studentische Leben ankurbeln. Warum das bisher ausgeblieben ist, dazu gibt es verschiedene Theorien.

Page vermutet, es liege daran, dass nur wenige Studierende und Lehrende der ASH im Bezirk leben. „Außerdem gibt es viele Vorurteile seitens der Studierenden gegen den Bezirk und umgekehrt“, sagt er. Misbach und Plöger stimmen dem zu. Gleichzeitig wird die ASH laut Plöger von vielen Menschen im Bezirk manchmal noch als Fremdkörper aus dem Westen wahrgenommen, obwohl das nicht der Herkunft der dort Studierenden und Arbeitenden entspreche. 1998 war die Hochschule aus Westberlin nach Hellersdorf gezogen. Der Umzug war seinerzeit umstritten. „Die Soziale Kulturarbeit erscheint mir als ein Mittel, Partizipation und Teilhabe zu erreichen, zusammenzukommen und Vorurteile bzw. Diskriminierungen mittels Theater oder medienpädagogischen Projekten anzugehen bzw. sich kennen zu lernen“, sagt Plöger.

„Es hilft nichts, über Vorurteile zu lamentieren“, meint Misbach. „Wir müssen eher gucken, wo es zusammengeht, und das in der Hochschule, der Forschung, der Lehre und in Fragen des gegenseitigen Wissentransfers aufgreifen.“ In den vergangenen 20 Jahren gab es bereits immer wieder Bewegung und auch Kooperationsangebote, die zwischen dem Bezirk und der Hochschule gewachsen sind. Seit einigen Jahren arbeitet Misbach mit daran, das Eis zwischen dem Bezirk und den Studierenden zum Schmelzen zu bringen. Laut ihr braucht es strukturelle Annäherungen zwischen der Uni und dem Bezirk. Auf bisherige Kooperationsangebote und Projekte wie die „Spazierblicke“ – geführte Spaziergänge für Erstsemester- und Auslandsstudierende und Menschen, die im Bezirk leben wollen – habe es gutes Feedback gegeben. „Es reicht nicht, dass wir an die Studierenden appellieren. Es braucht Angebote, die den Blick auf den Bezirk richten. Die Spazierblicke als Entdeckungstouren jenseits der eingespurten (Denk-)Wege sind ein schönes und niedrigschwelliges Beispiel“, sagt Misbach.

Das Thema Annäherung ist in Zeiten von Corona nicht einfacher geworden. Beim Seminar auf dem Platz hat es zumindest vorsichtigen Kontakt zwischen beiden Parteien gegeben. Dafür sorgten auch die Präsentationen der Studierenden, die ihre eigenen, im Kurs entwickelten Projekte vorstellten. Mit dabei waren unter anderem ein Musikprojekt, ein Theaterprojekt und eine Fotoausstellung, die sich der LGBTQ-Community im Bezirk widmete. „Die Neugier auf den Bezirk und die Sichtbarkeit war da, vor allem seitens der Studierenden“, sagt Misbach. Derartige Veranstaltungen und Projekte von Studierenden im Bezirk und auch Praktika bei örtlichen Institutionen könnten der Schlüssel sein, wie Misbach sagt.

Im nächsten Jahr will man die Veranstaltung wiederholen. Dann hoffentlich mit mehr Gästen aus der Bevölkerung und ohne Kontaktbeschränkungen. Misbach ist optimistisch. Auch mit dem kommenden Neubau gebe es die Bestrebung, vor Ort einen richtigen Campus zu schaffen. Das sei jedoch auch eine Frage der Ressourcen und natürlich guter Zusammenarbeit. Das Potenzial sei auf jeden Fall da, sagt Misbach. Der Bezirk selbst hat schon vor einiger Zeit einen Ideen- und Vorschlagsprozess für eine mögliche Umgestaltung des Platzes gestartet.