Namen & Neues

Alleinerziehende sucht Wohnung

Veröffentlicht am 14.12.2021 von Johanna Treblin

Bisan Al-Sayyid wohnt mit ihren drei Kindern Kemal, Milad und Dalia in einem Hochhaus in Marzahn, über 20 Stockwerke, es gehört einem der größten Wohnungsunternehmen Deutschlands: der Deutsche Wohnen. Die Klingelanlage ist ganz neu, man bedient sie über ein Touchpad, es gibt eine Kamera. Drinnen sieht es anders aus: Im Erdgeschoss riecht es kloakig. Der Gang zu den Fahrstühlen ist schmal, zwei Leute passen kaum aneinander vorbei. Ein Aufzug ist offenbar kaputt, der andere hat vielleicht Raum für drei Personen.

Klein ist auch die Wohnung der Familie: Zwei Zimmer für vier Personen, rund 60 Quadratmeter. Die Küche ist Teil des Wohnzimmers, lediglich mit einer Anrichte und einer Glaswand abgetrennt. Das zweite Zimmer teilen sich die Kinder. Heute geht das, Dalia hat keine Hausaufgaben auf, der dreijährige Kemal ist bei seinem Vater. Wenn alle da sind und Dalia für die Schule arbeiten muss, hat sie es schwer. Ihre Geschwister schauen sich Videos an, wollen mit ihr spielen. Deshalb sucht Al-Sayyid eine neue Wohnung. Doch der eigentliche Grund ist Kemal: Er hat einen schweren Herzfehler.

Der wurde entdeckt, als er gerade ein halbes Jahr alt war, erzählt seine Mutter. Kemal hatte hohes Fieber, Al-Sayyid ging mit ihm zum Krankenhaus. Dort blieb er drei Monate lang auf der Intensivstation, war eine Zeitlang im Koma. Dann kam er wieder nach Hause. Alle vier Stunden muss er Medikamente nehmen. Die Ärzte sagen, er braucht ein eigenes Zimmer: Sein Immunsystem ist geschwächt, er steckt sich schnell an, das aber ist gefährlich für ihn.

Die Familie hat einen Wohnberechtigungsschein mit Priorität, sozusagen. Al-Sayyid zeigt ihn mir. Damit sollen sie bevorzugt eine Wohnung bekommen. Doch die junge Frau sucht seit Jahren. Erfolglos. In einem Neubau in der Nähe bewarb sie sich auf 17 Wohnungen. Es kamen nur Absagen. Sie war schon auf mehreren Besichtigungen. Aber dann sei sie doch abgewiesen worden.

Wohnungen sind auch in Marzahn-Hellersdorf mittlerweile Mangelware. Al-Sayyid würde auch in einen anderen Bezirk ziehen, aber anderswo ist es nicht besser. Klar erleben die meisten Wohnungssuchenden heutzutage in Berlin Ablehnungen. Al-Sayyid glaubt, dass sie es noch schwerer hat: Wegen ihres arabisch klingenden Namens und weil sie ein Kopftuch trägt.

Damit ist sie nicht allein: Jeder dritte Wohnungssuchende mit Migrationshintergrund erlebt Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem vergangenen Jahr hervor. „Oft reicht schon ein fremd klingender Name, um gar nicht erst zur Wohnungsbesichtigung eingeladen zu werden“, sagte der kommissarische Leiter der Antidiskriminierungsstelle, Bernhard Franke, bei der Vorstellung des Berichts. Auch offen rassistische Wohnungsanzeigen gehörten „noch immer zum Alltag“.

Im Mai beispielsweise veröffentlichte das Bremer Magazin „buten un binnen“ eine Recherche, nach der die städtische örtliche Wohnungsbaugesellschaft Brebau Menschen, die sich bei ihnen um Wohnungen bewerben, systematisch diskriminierte.

Im Wohnzimmer sind die Wände frisch gestrichen. Warum sie renoviert, wenn sie doch umziehen will, frage ich Al-Sayyid. „Ich habe es hier nicht mehr ertragen“, sagt sie. Und sie wisse ja nicht, wie lange sie noch suchen müsse. Dabei habe sie alles versucht: „Ich war sogar bereit, einen Makler zu zahlen“ – der wollte 350 Euro Vorschuss – und ging dann nie wieder ans Telefon. Sie versuchte, ihre Wohnung mit der einer Nachbarin zu tauschen, die alleine in drei Zimmer lebt und die auch gerne umgezogen wäre. Doch die Verwaltung habe abgelehnt. Auch bei verschiedenen Hilfseinrichtungen habe sie es schon versucht.

Kemals Vater verließ die Familie, kurz nachdem die Krankheit seines Sohnes festgestellt worden war. „Ihm war das offenbar zu viel“, sagt Al-Sayyid. Nun ist sie alleine verantwortlich für drei Kinder, eines davon schwer krank. Ihre Erzieherinnenausbildung hat sie aufgegeben – wer sollte sich sonst um Kemal kümmern, wenn er mal wieder aus der Kita abgeholt werden muss?

Jetzt ist Dezember, vor Kaufhäusern sind Tannenbäume geschmückt, viele Menschen haben Kerzen in den Fenstern stehen. Auch Bisan Al-Sayyed und ihre Kinder freuen sich auf Weihnachten. Noch schöner wäre es, könnte die Familie in einer neuen Wohnung feiern.