Namen & Neues

Kochen gegen rechts

Veröffentlicht am 19.04.2022 von Johanna Treblin

Gebackener Blumenkohl auf Reis, Sojagemüse mit Tofu, Kichererbsen mit Brokkoli und Grillgemüse. Außerdem eine Torte mit Himbeeren und Zimtschnecken. Das sind die Gerichte, die auf den Tellern der TesafilmEnte liegen. Ein Twitter-Account (hier zu finden) von einer – nach eigenen Angaben – Elektroingenieurin aus Marzahn, die unter dem Hashtag #Marzahnkocht gegen den AfD-Politiker Gunnar Lindemann ankocht.

Lindemann sitzt für die AfD im Berliner Abgeordnetenhaus. Er hat den Wahlkreis Marzahn 1 direkt gewonnen. Allerdings hatte er lediglich 70 Stimmen Vorsprung vor seinem SPD-Konkurrenten Gordon Lemm, der jetzt Bürgermeister des Bezirks ist, und 293 Stimmen mehr als der Linken-Kandidat Bjoern Tielebein.

Im November legte die Landeswahlleitung Einspruch gegen das Wahlergebnis ein. Die stellvertretende Landeswahlleiterin, Ulrike Rockmann, beantragte, die Wahl in den Wahlkreisen Charlottenburg-Wilmersdorf 6 und Marzahn-Hellersdorf 1 für teilweise ungültig zu erklären. In diesen beiden Wahlkreisen habe es Rechtsverstöße gegeben, die Auswirkungen auf die Mandatsverteilung im Berliner Landesparlament haben könnten. Möglich ist, dass in diesen beiden Wahlkreisen die Wahl der Direktkandidaten wiederholt werden muss.

Im Januar hieß es im Tagesspiegel-Checkpoint (hier nachzulesen), Lindemann dürfe die Kantine des Abgeordnetenhauses nicht mehr aufsuchen – weil dort die 2-G-Plus-Regel eingeführt wurde, Lindemann aber keinen Impfnachweis erbringen wollte. Von da an häuften sich auf Lindemanns Twitter-Account Fotos von Essen, das er sich in die Mikrowelle schob.

Am 11. Februar startete Lindemann eine Youtube-Kochshow. Weil er dort unter dem Motto „Original Urban Convenience Cuisine“ seitdem in einer unaufgeräumten Küche Essen aus der Dose kocht, erntete Lindemann Häme aus der gesamten Republik. Wie ernst Lindemann seine Show meint, wird nicht ganz klar. Sein Hauptanliegen wird sein, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und das ist ihm auch gelungen. (Meine Kollegin Pauline Faust ist dazu in der Sendung Walulis befragt worden. Die finden Sie hier auf Youtube.)

Während die einen die Kritik klassistisch nennen – wer nach einem langen Arbeitstag keine Zeit hat, richtig zu kochen oder kein Geld, ins Restaurant zu gehen, greift schnell mal nach einer Dose –, ärgern sich die anderen über das Bild, das Lindemann damit mal wieder vom Bezirk Marzahn-Hellersdorf zeichnet. Natürlich geht auch beides zusammen.

Mindestens zur zweiten Gruppe scheint die TesafilmEnte zu gehören; und sie positioniert sich zudem klar gegen die AfD. Sie kocht – dem Ergebnis nach zu urteilen – zum Teil einfache, aber frische Gerichte, die wenig gemein haben mit klassischer deutscher Küche, an der sich Lindemann meistens orientiert. (Aktuell sind bei ihm allerdings sogenannte Asia-Wochen.)

Zwei Sachen fehlen dem Account der TesafilmEnte nur noch: ein paar mehr Follower – im Moment hat sie 13. Und die Rezepte zu den Gerichten. Die sehen nämlich so gut aus, dass ich sie gerne nachkochen oder -backen würde.