Kiezgespräch

Veröffentlicht am 20.11.2018 von Ingo Salmen

Muss man sich schämen, wenn man in Marzahn wohnt? Auf diesen Kern könnte man die Entrüstung bringen, die sich kürzlich breitmachte, als Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng über seine Erfahrungen mit Rassismus sprach und dabei auch Marzahn nannte. Er sprach nicht nur über die Vergangenheit, sondern würde seine Töchter auch heute noch nicht in den Bezirk fahren lassen. Gerade das wirft die Frage auf, ob es aktuell ein besonderes Problem mit Rassismus in Marzahn-Hellersdorf, das den Bezirk von anderen in Berlin abheben würde.

Inzwischen liegen mir dazu Zahlen der Polizei vor. Demnach hat die Polizei 75 Fälle fremdenfeindlicher Taten im Jahr 2014 registriert (berlinweit 544), 111 im Jahr 2015 (776), 70 im Jahr 2016 (831), 34 im Jahr 2017 (811) und bislang 33 in diesem Jahr (602 in ganz Berlin). Allerdings gibt es für 2017 und 2018 noch Erfassungsrückstände in der Statistik, teilt Polizeisprecher Winfried Wentzel mit. Auch deshalb sei ein Vergleich der Bezirke nur eingeschränkt möglich. „Das Fallaufkommen fremdenfeindlicher Straftaten in Marzahn-Hellersdorf bewegt sich im Vergleich zu den anderen Bezirken auf niedrigem Niveau“, stellt er jedoch fest. „Allerdings zeichnet sich ab, dass in diesem Jahr ein Fallzahlenanstieg zu erwarten ist.“

Mein Fazit: Es besteht weder ein Grund zur Panik, noch zur Empörung. Die Polizeistatistik lässt erkennen, dass Marzahn-Hellersdorf nicht gefährlicher ist als andere Bezirke. Allerdings ist dabei auch zu berücksichtigen, dass der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund im Bezirk geringer ist als andernorts. Wie schon der Demokratiebericht, den ich vergangene Woche zitierte, weist auch der kriminalpolizeiliche Meldedienst mehrere Taten pro Monat aus. Wer anders aussieht als Menschen der Mehrheitsgesellschaft, kann das natürlich als persönliche Bedrohung empfinden. Niemand kann Jerome Boateng seine persönlichen Erfahrungen nehmen und die Lehren, die er daraus ableitet. Es kann der Gesellschaft nur guttun, immer wieder vor solchen Gefahren zu warnen – hier und überall.

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