Kiezgespräch
Veröffentlicht am 04.08.2020 von Ingo Salmen
Die Diskussion um den Biesdorfer Baggersee hat seit dem Wochenende eine neue Dringlichkeit bekommen. Am Samstagabend ist dort ein junger Mann ertrunken. Die Feuerwehr, die gegen 21 Uhr alarmiert worden war, rückte mit Tauchern an, um nach ihm im tiefen Wasser zu suchen. Zwar fanden die Rettungskräfte ihn zwar schnell, doch ihr Einsatz blieb erfolglos: Auch Wiederbelebungsversuche eines Notarztes konnten dem Mann nicht mehr helfen. Drei weitere Personen mussten nach Angaben der Feuerwehr betreut werden. Wie die Polizei dem Tagesspiegel am Montag bestätigte, handelte es sich bei dem Toten um einen 19-jährigen Rumänen. Er war mit einem weiteren Mann ins Wasser gegangen. Dem Vernehmen nach war dabei Alkohol im Spiel – und der Verstorbene Nichtschwimmer. Die Polizei äußerte sich dazu offiziell nicht.
Die Grünen nahmen das Unglück am Montag zum Anlass, eine Badeaufsicht ins Gespräch zu bringen. Angesichts der Uhrzeit hätte der Tod des jungen Mannes dadurch kaum verhindert werden können. Doch die Partei hat eher den allgemeinen Badebetrieb im Blick – der sich seit Jahren etabliert hat, obwohl im Baggersee das Baden offiziell verboten ist. Selbst wenn es einmal ein Freibad in Marzahn-Hellersdorf geben sollte, müsse man davon ausgehen, dass der See auch künftig zur kostenfreien Erfrischung genutzt würde. „Das Badeverbot wird aktuell durch die Badegäste nicht akzeptiert und durch das Bezirksamt nicht durchgesetzt“, erklärte Grünen-Sprecher Pascal Grothe. „Darum fordern wir, dass geprüft wird, inwiefern Rettungsschwimmer*innen in der Badesaison am Wochenende und in der Sommer-Ferienzeit täglich eingesetzt werden können.“
Schon vor dem Badeunfall hatte die CDU Maßnahmen am Biesdorfer Baggersee gefordert. Auch ihr geht es um die Sicherheit – aber eher in einem anderen Sinne. An warmen Tagen würden Hunderte im See Abkühlung suchen, sagte der örtliche Abgeordnete Christian Gräff am Montag dem Tagesspiegel. Das habe in diesem Sommer tagsüber und abends stark zugenommen – womöglich mangels Alternativen in der Zeit der Corona-Schließungen und begünstigt durch die Nähe zum U-Bahnhof Biesdorf-Süd. All die Gäste müssen nicht nur mit einer Wall-Toilette auskommen, denn mehr sei technisch nicht möglich. Hinzu komme auch ein „massives Sicherheitsproblem“, wie Gräff sagt. Er spricht von Jugendgruppen, die mit der U5 aus der Innenstadt kämen, von Drogenhandel und Schlägereien. „Die Polizei ist am Wochenende praktisch dauerpräsent“, berichtet der CDU-Politiker. „Das Ordnungsamt traut sich an bestimmten Abenden gar nicht mehr hin.“
Schon im Juli hatte Gräff in seinem Newsletter zwei Lösungsmöglichkeiten angeregt. „Entweder, es wird rund um die Uhr ein Sicherheitsdienst eingesetzt, der das Gelände kontrolliert und in Zusammenarbeit mit der Polizei, dem Jugendamt und dem Ordnungsamt Platzverweise erteilt“, schrieb er. „Oder die zweite Möglichkeit wäre, das Gelände ähnlich dem Modell im Schlosspark Biesdorf, einzuzäunen und bis zur Dämmerung kostenfrei zugänglich zu machen und danach bis in die frühen Morgenstunden abzuschließen.“ Gräff präferiert den Zaun, wie er auf Nachfrage erklärt. Zwar ist auch ihm klar, dass es immer Leute gibt, die über Zäune klettern, doch er erhofft sich weniger Besucher abends am Strand und damit auch weniger Kriminalität – eventuell kombiniert mit einem Sicherheitsdienst am Tag. Kontrollen fordert übrigens auch sein Parteifreund Mario Czaja für die (im Trinkwasserschutzgebiet gelegenen) Kaulsdorfer Seen. Auch dort scheint abends regelmäßig Halligalli zu sein.
Gräff sieht „grundsätzliche Fehler“, die bei der Neugestaltung des Biesdorfer Baggersees in den Nuller-Jahren gemacht worden seien. Was er damit meint? „Eine Badewiese mit Strand anzulegen an einem See, an dem man nie wird baden dürfen.“ Denn der Biesdorfer Baggersee dient als Regenrückhaltebecken, muss teils ungeklärte Straßenabwässer aufnehmen – sodass nach Starkregen die Wasserqualität für einige Tage erheblich beeinträchtigt ist. Weiter nördlich sei auch der Zugang an einigen Stellen gefährlich, erklärt Gräff, das Ufer nur platt getreten, sodass man leicht abrutsche und dort dann gleich im tieferen Wasser lande. Schon in seiner ersten Periode als Stadtrat zwischen 2006 und 2011 habe er deshalb einen Zaun vorgeschlagen – der aber am Widerstand der Linken gescheitert sei.
„Das Badeverbot ist nicht verhandelbar“, sagt auch Grünen-Politiker Grothe, schließlich gebe es gesetzliche Grenzwerte für die Wasserqualität. Das Problem: Es sei nun mal eine Infrastruktur geschaffen worden, aber nichts für die Sicherheit der Badenden getan worden. Das will er nun nachholen und damit den Realitäten gerecht werden. Mit Liegewiese und Strand, Beachvolleyball-Feld und Tischtennis-Platten, Imbiss und Platz zum Grillen gebe es „alles, was man sich von einem Badesee wünscht“, sagt Grothe. „Selbst wenn man einen Zaun drumherum baut: Die Leute wollen ja ins Wasser gehen.“ Einen solchen Naturraum abzuriegeln, sei außerdem „nahezu unmöglich“. Den Schlosspark sieht er nicht als vergleichbar an – der sei für Jugendliche nicht so attraktiv.
Wenn aber alles nach einem Strandbad aussieht, welchen Wert haben dann noch Schilder, die ein Badeverbot anzeigen? Zumal dann, wenn wie im Fall des verunglückten Rumänen womöglich noch eine Sprachbarriere hinzukommt? Diese Fragen wird sich auch das Rechtsamt stellen müssen, wenn es sich auf Bitten von Grünflächenstadträtin Nadja Zivkovic (CDU) die Folgen der jüngsten Rechtssprechung zur Verkehrssicherungspflicht an öffentlichen Gewässern anschaut. Die hat mancherorts, wie vergangene Woche berichtet, schon zur Schließung von Badestellen geführt. CDU-Politiker Gräff begrüßt es, den Einsatz von Rettungsschwimmer*innen zu prüfen, befürchtet aber auch, dass dies als aktives Fördern des Badens bewertet werden könnte. Grünen-Sprecher Grothe will ebenfalls geklärt wissen, ob dadurch das Badeverbot gleichsam automatisch aufgehoben würde.
Neben einem Freibad im Bezirk, das alle wünschen, hat er auch noch andere Vorschläge, um den Andrang in Biesdorf zu reduzieren. Grothe wünscht sich eine Ausschilderung von Fahrradwegen zu den Badeseen umliegender Gemeinden in Brandenburg. In der Vergangenheit hatten sich die Grünen auch schon für einen Badebus ausgesprochen, der Seen in der Nachbarschaft ansteuert. Darauf haben sie in diesem Jahr verzichtet – wer will schon einen neuen Corona-Express?
Auch die Linke will den Einsatz von Rettungsschwimmer*innen prüfen. Dafür sprach sich Fraktionschef Björn Tielebein am Dienstag in einer Pressemitteilung aus. Zugleich warb er dafür, den Vorschlag seiner Fraktion für ein Badeschiff im Biesdorfer Baggersee, in der Freibaddebatte von allen Seiten nur als dritte Wahl eingestuft, nicht vorschnell zu den Akten zu legen. Vielmehr sei „parallel“ zur Standortsuche zu erwägen, ob nicht ein privater Betreiber diese Idee umsetzen könnte. Dann wäre automatisch Rettungspersonal zu festen Zeiten anwesend. Tielebein geht noch weiter: „Unter diesen Bedingungen wäre eine teilweise Verpachtung des Sees denkbar.“ In der Machbarkeitsstudie für ein Freibad hieß es, bei allen Einschränkungen, über ein Badeschiff im Biesdorfer Baggersee übrigens schon im Februar: „Diese Lösung könnte zu einer Entspannung der derzeitigen Situation führen, die geprägt ist durch die nur geduldete, konfliktbehaftete und nicht zuletzt gesundheitsgefährdende Nutzung des Sees zum Baden.“