Kiezgespräch

Veröffentlicht am 13.10.2020 von Ingo Salmen

Am Mittwochabend ging die Nachricht an die Eltern heraus: Nach drei Tagen freiwilligem Heimunterricht wegen eines Corona-Falls kehrte das Otto-Nagel-Gymnasium am Donnerstag und Freitag wieder zum vollständigen Präsenzunterricht zurück. Lieber hätte die stellvertretende Schulleiterin Dana Wolfram auch dann noch auf Videokonferenzen gesetzt. Denn die Testergebnisse von sechs Lehrer*innen, die Kontaktpersonen waren, lagen ihr bis Mittwoch noch nicht vor. Eltern, Lehrkräfte und Schüler*innen waren einverstanden. Doch die Senatsbildungsverwaltung pfiff die Biesdorfer Vorzeigeschule zurück.

Die CDU kritisierte das Haus von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) scharf für diese Entscheidung. „Ein solches Vorgehen ist gerade vor dem Hintergrund, dass der Senat offenbar nicht in der Lage ist, das Thema Digitalisierung in der Fläche bei allen Schulen voranzubringen, unverständlich“, teilten der Kreisvorsitzende Mario Czaja, der Biesdorfer Abgeordnete Christian Gräff und BVV-Fraktionschef Alexander J. Herrmann mit.

Das ONG ist führend in der digitalen Bildung und hatte deshalb vorsorglich auf Homeschooling umgestellt. Gräff wies darauf hin, dass Eltern, Lehrer*innen und Schüler*innen des ONG die Digitalisierung der Schule „nahezu ausschließlich aus Eigenmitteln“ vorantrieben. „Statt seiner Verantwortung nachzukommen und alle Schulen bei der Digitalisierung voranzubringen, straft der Senat diejenigen ab, die ihre Hausaufgaben im Bereich Digitalisierung erledigt haben“, kommentierte Czaja den Vorgang.

Als „irritierend“ bezeichnete der Grünen-Bezirksverordnete Nickel von Neumann die dreitägige Schließung des ONG ohne amtliche Anordnung. In der BVV-Sitzung am Donnerstag wollte er von Schulstadtrat Gordon Lemm (SPD) wissen, was der davon halte – und ob die Schulleitung womöglich ihre Kompetenzen überschritten habe. Lemm verwies darauf, dass der Schulbetrieb selbst gar keine Angelegenheit des Bezirks ist. Er versuchte es dennoch mit einer diplomatischen Antwort. „Ich bin mir sicher, dass die Schulleitung im besten Sinne entschieden hat“, sagte der Sozialdemokrat. Allerdings könne er auch die Senatsbildungsverwaltung verstehen, die um eine einheitliche Linie bemüht sei.

„Ich will da kein Chaos“, sagte Bildungssenatorin Scheeres über die Quarantänemaßnahmen an Schulen, als sie am Donnerstag einen neuen Stufenplan vorstellte. Damit will die Senatsverwaltung ein geregeltes Verfahren etablieren, um ein einheitliches Vorgehen sicherzustellen. Je nach Schulform und Intensität des Infektionsgeschehens, das in vier Stufen eingeteilt wird, sollen verschiedene Maßnahmen greifen. Einen vollständigen Verzicht auf den Präsenzunterricht soll es jedoch nicht mehr geben. Nach den Herbstferien sollen Schulaufsicht und Gesundheitsämter nun jeden Donnerstag beraten, welche Regeln für die einzelnen Schulen gelten.

Warum das ONG dann die letzten beiden Tage vor den Ferien nicht einfach im Homeschooling-Modus bleiben durfte, erklärt sich damit noch nicht. „Wir haben den Unterricht ja durchgeführt – komplett“, sagte Wolfram am Dienstag dem Tagesspiegel. Durch einen weiteren Corona-Fall vom Freitag sieht sie sich in ihrer Entscheidung bestätigt: Es traf eine*n Schüler*in aus der elften Klasse. Er oder sie war noch am Montag und Mittwoch für Klausuren in der Schule – nur die fanden in dieser Phase im Gebäude statt. Es gab nun genug Platz, um den Kurs auf zwei Räume aufzuteilen, deshalb kommen nun nur 14 andere Schüler*innen als Kontaktpersonen in Betracht, kein ganzer Kurs von mehr als 20 und schon gar nicht die ganze Jahrgangsstufe.

„Die Situation“, sagt Wolfram am Telefon, „ist ganz schwierig jetzt.“ Keines der infizierten Kinder habe Symptome gezeigt.