Kiezgespräch

Veröffentlicht am 01.12.2020 von Ingo Salmen

Das kam etwas überraschend. Das ganze Jahr schon hat der Bezirk über das Für und Wider der drei möglichen Schwimmbad-Standorte Jelena-Santic-Friedenspark, Biesdorfer Friedhofsweg und (mit Abstrichen) Biesdorfer Baggersee diskutiert. Im Oktober entschied sich die BVV in geheimer Abstimmung mehrheitlich für den Friedenspark am Fuße des Kienbergs als Favorit, mit dem das Bezirksamt in Gespräche mit dem Land gehen soll. Nun gibt es plötzlich Widerspruch. „Hände weg vom Friedenspark!“, fordert ein Bündnis aus Naturschützern – und plädiert stattdessen, das ist die nächste Überraschung, für ein „Freizeitbad“ auf dem Gelände des ehemaligen Wernerbads in Kaulsdorf.

Der Bezirk wolle „Grünanlagen entlang des Wuhletals für Sportanlagen opfern“, anstatt den mühsameren Weg zu gehen, geschlossene Sportanlagen wieder zu eröffnen, kritisieren die Naturfreunde Berlin, das Berliner Netzwerk für Grünzüge und die Bürgerinitiative Kienberg-Wuhletal, die schon die IGA kritisiert hatte, in einer gemeinsamen Pressemitteilung. „Es ist nicht akzeptabel, dass in Berlin öffentliche Grünflächen wie der Jelena-Santic-Park bebaut werden sollen“, wurde Uwe Hiksch, stellvertretender Landesvorsitzender der Naturfreunde, darin zitiert. Diese seien für die Erholung „systemrelevant“. Deshalb müssten bereits bebaute und versiegelte Flächen genutzt werden. „Wir erwarten vom Bezirk und der Landesregierung, dass die Grünflächen am Wuhletal nicht immer weiter zerstört werden.“

Von einem steigenden „Nutzungsdruck“ für die verbleibenden öffentlichen Grünflächen, wenn sie immer mehr anderen Nutzungen weichen müssten, spricht Antje Henning vom Grünzüge-Netzwerk. „Wo will der Bezirk im Ausgleich für eine Bebauung des Parks den Anwohnern eine ebenbürtige Grünfläche in unmittelbarer Nähe schaffen?“ Die Initiativen weisen darauf hin, dass der Friedenspark mit dem Wuhletal einen zusammenhängenden Grünzug mit wertvollen Biotopverbindungen bilde und Lebensraum zahlreicher Wildbienen, Falter, Feldhasen, Amphibien und Vögel sei. „Viel zu viele Flächen wurden bereits im und am Wuhletal versiegelt, bebaut und umgestaltet“, heißt es. Weitere Versiegelungen würden „in eklatantem Widerspruch“ zum Umwelt- und Naturschutz stehen. „Einer Stadt, die wie Berlin den Klimanotstand ausgerufen hat, würden sie zum Hohn gereichen.“ Cornelia Kahl von der Bürgerinitiative Kienberg-Wuhletal forderte, den Park „vollständig als unverbaute Grünanlage, als Sozialraum für uns Menschen und als Lebensraum für Flora und Fauna“ zu erhalten – öffentlich und kostenlos.

Schon bei der entscheidenden BVV-Sitzung am 8. Oktober hatte der Linken-Verordnete Frank Beiersdorff kritisiert, das Wuhletal würde durch den Bau eines Kombibads „erheblich entwertet“. Sportstadtrat Gordon Lemm (SPD) hielt ihm entgegen, die Planer sähen das Vorhaben als mit dem Landschaftsschutz vereinbar an. Auch die Grünen-Verordnete Cordula Streich machte deutlich, dass ihre Partei trotz der Naturschutz-Bedenken die Schwimmbad-Pläne unterstütze. Dass das Dreier-Bündnis nun das ehemalige Wernerbad knapp zwei Jahrzehnte nach seiner Schließung wieder ins Gespräch bringt, ist erstaunlich. Es gilt gemeinhin als ungeeignet für ein Kombibad und soll zum Wohnstandort für Demenzkranke umgewandelt werden – während der Wernersee auf dem Gelände bereits wieder als Biotop hergerichtet worden ist.