Unter Nachbarn

Veröffentlicht am 28.11.2017

„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen.“ Mit dem fünften Vers von Psalm 37 schloss die Signatur der Antwortmail von Nico Vajen. Von Befehl kann keine Rede sein, ich hatte ihn lediglich gebeten, sich als Nachbar hier im Newsletter vorzustellen. Der 35-Jährige ist seit dem 1. August Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hellersdorf. Gebürtig stammt er aus Niedersachsen, zuletzt wirkte er im Storchendorf Linum in Brandenburg. Vajen ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von sechs und drei Jahren.

Vier Monate Marzahn-Hellersdorf: Wie haben Sie sich eingelebt? Wir fühlen uns hier sehr wohl. Meine Frau und ich und unsere zwei Kinder bewohnen seit Ende Juli das Pfarrhaus direkt neben der Kirche in der Glauchauer Straße. Die Glocken stehen in unserem Garten und läuten jeden Tag um 12 und um 18 Uhr. Das war vor allem für unseren dreijährigen Sohn anfangs sehr spannend. Inzwischen sagt er aber auch: „Schon wieder die Glocken!“

Was ist Ihnen im Bezirk bisher besonders aufgefallen? Der Bezirk ist in der Realität sicherlich attraktiver als sein Image. Es gibt hier ja relativ viel Grün. Wir mögen zum Beispiel den Kastanienboulevard. Es leben hier viele Familien mit Kindern. Von denen beziehen etwa 40 Prozent Hartz IV. Das ist schon ein extrem hoher Anteil. Meines Erachtens wird hier für Kinder und Familien aber auch einiges angeboten. Es gibt jede Menge Initiativen und Vereine, die beispielsweise Kinderfeste veranstalten, den Eltern Beratung anbieten oder Mitbestimmung bei der Gestaltung des Kiezes organisieren. Ob diese Angebote allerdings auch in dem Maße angenommen werden, wie es möglich wäre, ist eine andere Frage.

Aus der Provinz in die Berliner Großsiedlung: Überwiegen da die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten? Es überwiegen schon eher die Unterschiede. In den letzten zwei Jahren haben wir ja in einem sehr kleinen brandenburgischen Dorf mit nur 700 Einwohnern gelebt. Für jeden Einkauf oder Arztbesuch mussten wir ins Auto steigen. Hier genießen wir schon die Vorzüge der Stadt, dass man zum Beispiel mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln fast alles recht schnell erreichen kann. Die Menschen sind hier in der Mehrzahl sicherlich auch etwas anders geprägt als auf dem Lande. Wobei auch Hellersdorf irgendwie ein Dorf ist. Man begegnet sich auf der Straße oder beim Einkaufen, und es ist gar nicht so anonym, wie man denken könnte.

Was kann Kirche überhaupt bewegen in einer Region, in der kaum Christen leben? Ich glaube, dass unsere Kirchengemeinde in Hellersdorf schon einiges bewirkt hat und durchaus Einfluss nimmt auf das Leben in unserem Kiez. Viele Kinder gehen in unsere evangelische Kita in der Adorfer Straße oder in unser nebenan liegendes Schülerzentrum. Und zu unseren Angeboten in unserem Gemeindezentrum kommen auch Menschen, die keine Kirchenmitglieder sind. Außerdem ist unsere Gemeinde gut vernetzt mit anderen sozialen Akteuren in der Nachbarschaft, wie den Schulen, dem Quartiersmanagement oder dem Bündnis für Demokratie und Toleranz. Wir haben uns in der Vergangenheit nicht versteckt und werden es auch in Zukunft nicht tun.

Interview: Ingo Salmen. Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de.