Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.02.2018 von Ingo Salmen

Eike Arnold, 36 Jahre, ist stellvertretender Pressesprecher beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), wohnt in Alt-Kaulsdorf und hat Freud und Leid auf dem Bürgeramt erlebt.

Herr Arnold will eigentlich nur nach Moskau. Er hat nämlich Karten für die Fußball-WM. Für den Flug braucht er einen Reisepass. Sein alter war lange abgelaufen, auch der Perso in den letzten Zügen. Warum also, dachte sich Herr Arnold, nicht gleich beides gemeinsam beantragen? Wege sparen, Termine sparen, ein Gewinn für alle Beteiligten. Übers Internet buchte er am 8. November einen Termin für den 11. Dezember beim Bürgeramt Helle Mitte, berlinweit der erstmögliche. Wobei Termin nicht ganz die zutreffende Beschreibung ist, es sind gleich zwei: 9.18 Uhr Perso, 9.42 Uhr Reisepass. „Wie kann es sein, dass man einen Monat warten muss?“, fragt Arnold. „In jedem Landkreis wäre das ein Skandal. In Berlin normal.“

Auf die Minute genau klappt es dann doch nicht. Natürlich muss er am 11. Dezember erst mal im Wartebereich Platz nehmen. Seine Nummer kam schon mit der Bestätigungsmail. „Man starrt auf einen Monitor mit willkürlichen Zahlen“, erzählt Arnold, „so viele Zahlen, die, einer höheren Macht folgend, sich immer wieder abwechseln. Nach dreißig Sekunden vergisst man, auf welche Nummer man wartet. Da schwingt die Angst mit, etwas zu verpassen. Warum kann man nicht statt Zahlen wie im Burgerladen die S- und U-Bahn-Stationen nutzen?“

Der Beamte am Empfang ist „ausgesucht freundlich“. Für den nächsten Termin hat er schon einen guten Rat für Arnold parat: Einfach an der Warteschlange vorbeigehen und Dokumente abholen. Freundliche Bedienung auch durch die Sachbearbeiterin, die seinen Antrag entgegennimmt. „Auf das Personal“, sagt Arnold, „kann das Bürgeramt stolz sein.“ Anfang Januar kommt Post: Der Perso ist da. Keine Nachricht vom Reisepass. „Soll ich da echt zweimal hingegehen?“ Am 23. Januar probiert Arnold es einfach mal: „Riesige Schlange. Ich gehe an ihr vorbei, zusammen mit einem Dachdecker, der den gleichen Wunsch hat.“ Guter Rat? Denkste. „Sie müssen sich anstellen“, verordnet eine Frau am Empfang. „Der Dachdecker und ich verdrehen die Augen.“ Greller Ruf nach fünf Minuten: „Noch jemand wegen Perso?“ Dachdecker und Arnold nach vorn. Werden angefahren: „Diskretion wahren!“. Sie erhalten Wartenummern.

Aufruf nach zehn Minuten. „Sie wollen Ihren Reisepass abholen?“, fragt ein junger Beamter, denn der liegt schon auf dem Schreibtisch. „Eigentlich haben Sie mich nur wegen den Personalausweises benachrichtigt, dass Sie den Reisepass schon haben …“ – „Aber den alten Reisepass haben Sie dabei?“ Hat er natürlich nicht. „Sagen Sie nicht, ich muss nochmal herkommmen, weil ich den nicht dabei habe, den Perso habe ich dabei.“ – „Wann lief denn Ihr alter Reisepass aus?“ Schweigen, grübeln, soll er sagen, dass er ihn vor Jahren verlegt hat? „Wir wissen das ja sowieso, der Computer vergisst nicht.“ Nach drei digitalen Unterschriften händigt der Beamte beide Dokumente aus. „Warum haben Sie mich nicht auch zum Reisepass benachrichtigt?“ – „Machen wir nur beim Perso.“ – „Weil?“ – „Wahrscheinlich wegen der PIN.“ – „Durchdringe ich intellektuell nicht.“ – „Ja …“ Aber freundlich ist er auch.

Insgesamt gibt Arnold dem Amt die Note 2-. Der Vorgang zur Antragsstellung dauere „viel zu lang“, sagt er. „Man zahlt auch viel Geld für die Dokumente plus die Passbilder.“ 22,80 Euro für den Perso, 60 Euro für den Reisepass (und das schwankt sogar noch zwischen den Bezirken). Fotos zehn Euro. „Der Staat möchte, dass ich einen Personalausweis habe. Mache ich. Aber ich muss dann auch für zahlen. Wozu zahle ich eigentlich Steuern?“ Doch Arnold sagt auch: „An den Beamten liegt es nicht.“ Er sei mittlerweile dagegen, die drei Bürgerämter zu zentralisieren. Das gehe erst, wenn die Computersysteme im Hintergrund optimal liefen und mehr Leute im Dienst seien. „Und wann ist das erreicht?“

Foto: Lars Poeck, ig-fotografie.de

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