Nachbarschaft

Veröffentlicht am 13.02.2018 von Ingo Salmen

Heinrich Niemann, 73, hat sich schon als Stadtrat mit dem Schloss Biesdorf beschäftigt. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Vereins Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte, der seit seiner Gründung im Jahr 2001 die Wiederherstellung der klassizistischen Turmvilla entscheidend vorangetrieben hat und sich heute dafür engagiert, das Schloss mit Leben zu füllen. Ein Bestandteil sind die „Biesdorfer Begegnungen“ – wie zum Beispiel am Montag, 23. April. Dann kommt der frühere brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck nach Biesdorf, um über die deutsch-russischen Beziehungen zu sprechen, wie Niemann am Rande des Interviews berichtet.

Herr Niemann, nicht einmal anderthalb Jahre nach seiner Eröffnung musste das Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum im Schloss Biesdorf schon wieder schließen. Woran lag das?

Nach der baulichen Wiederherstellung des Schlosses in seiner schönen historischen Gestalt war es ein Versuch mit einem anspruchsvollen Titel. In allen drei Ausstellungen gab es interessante Geschichten mit zum Teil nicht leicht zu erschließenden Kunstwerken. Von Anfang an problematisch war, dass der ursprüngliche Förderzweck, Kunstwerke aus der DDR, insbesondere aus dem Kunstarchiv Beeskow zu zeigen, nur in Ansätzen erfüllt wurde. Das wirkte manchmal mehr wie ein Feigenblatt. Das Barberini in Potsdam und andere Ausstellungen haben aber gezeigt, dass es ein großes Interesse an Kunst aus dem Osten gibt.

Man hatte oft den Eindruck, dass die Bevölkerung mit dem ZKR fremdelte.

Einen solchen Ort kann man nicht von heute auf morgen entwickeln. Da braucht man Geduld und darf auch nicht gleich zu hohe Erwartungen an Besucherzahlen haben. Aber die Schwelle, das Schloss zu betreten, war vielen oft zu hoch. Das mag auch daran gelegen haben, dass die Erinnerung an die frühere Nutzung fehlte. Dieses Haus war in der DDR 35 Jahre lang ein Treffpunkt und Kulturort, was dann nach 1990 noch einmal 20 Jahre lang weitergeführt wurde. Es fehlte der Sinn für den Geist des Ortes.

Wie lässt sich das ändern?

Zunächst einmal muss ich dem Bezirksamt, besonders der verantwortlichen Stadträtin Frau Juliane Witt danken, dass es nach der Übernahme das Schloss ohne Unterbrechung weitergeführt hat, die Ausstellung geöffnet bleibt und auch alle geplanten Veranstaltungen stattfinden können. Wir werden noch mehr Veranstaltungen brauchen, damit etwas los ist. Dazu gehört auch, die Schlosskonzerte wiederzubeleben. Außerdem gilt es, die interessante Geschichte des Ortes besser darzustellen. Das Wichtigste aber ist, das Konzept der Galerie neu zu justieren: Man sollte mehr Mut haben, nach Beeskow zu gehen, dort lagern allein 1500 Gemälde, die man auch mit weiteren Arbeiten kombinieren kann. Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal. In Berlin gibt es keinen speziellen Ort, wo Kunst der DDR gezeigt wird.

Das klingt doch nach dem ursprünglichen Konzept einer „Galerie Bilderstreit“.

Die Diskussion ist inzwischen weitergegangen. Gerade erst hat doch Plattner in Potsdam gezeigt, dass wir die Kunst in der DDR seit einigen Jahren wieder als Kunst wahrnehmen und nicht nur als Illustration von Geschichte. Das muss auf eine Weise geschehen, dass es für die Besucher verständlicher ist als im ZKR, ohne dem Betrachter eine bestimmte Deutung vorzugeben. Das spüren die Leute sehr genau. Uns ist als Verein außerdem wichtig, einen Platz für Otto Nagel als bedeutenden Künstler des 20. Jahrhunderts zu finden, der seine letzten Lebensjahre in Biesdorf verbrachte.

Karin Scheel als neue Verantwortliche hat in der Galerie M allerdings auch keine Ausstellungen für die breite Masse organisiert.

Frau Scheel ist aber bewusst, dass es sich hier um eine andere Dimension handelt. Und sie versucht, die Menschen einzubeziehen. Das ist der richtige Ansatz.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: ingo.salmen@tagesspiegel.de

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