Nachbarschaft

Veröffentlicht am 20.02.2018 von Ingo Salmen

John Reichel, 20, kommt aus Mahlsdorf und lebt dort, studiert aber im ersten Semester Jura an der Freien Universität. 2013 ist er in die SPD eingetreten. Seit Freitag ist er als Nachfolger von Dmitri Geidel der neue Vorsitzende der Jusos Marzahn-Hellersdorf. An diesem Dienstag wird er schon den voraussichtlich wichtigsten Termin seiner zweijährigen Amtszeit haben: Um 20 Uhr macht der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert mit seiner „NoGroKo-Tour“ im IGA-Informationszentrum Station, um vor 200 Genossen aus dem Osten Berlins für ein Nein beim Mitgliederentscheid zu werben.

Herr Reichel, was erwarten Sie sich von diesem Abend? Dass ein klares Signal gegen die große Koalition von ihm ausgehen wird. Die große Mehrheit der Funktions- und Mandatsträger der SPD in Marzahn-Hellersdorf hat sich schon dagegen ausgesprochen. Die Stimmung in den Abteilungen ist ähnlich. Ich erwarte bei uns eine Ablehnung von 70 bis 75 Prozent.

Warum so deutlich? Vor allem im Norden des Bezirks haben die Menschen das Gefühl, dass dieser Koalitionsvertrag nicht wirklich etwas in ihrem Leben verbessert. Für das, was jetzt kommen soll, haben wir nicht acht Wochen Wahlkampf gemacht, sind jeden Tag von Tür zu Tür gegangen.

Was fehlt? Drei Punkte: eine sozial gerechte Steuerreform, die Einführung der Bürgerversicherung und nicht nur eine Arbeitsgruppe, die prüft, und eine echte Abschaffung der sachgrundlosen Befristung. Was dazu im Koalitionsvertrag steht, ist fast schon schlechter als der Status Quo.

Werden Ihnen die Leute nicht den Vogel zeigen, wie Andrea Nahles gesagt hat, wenn es zu Neuwahlen kommt? Zunächst mal: Es ist ein Skandal, wie Frau Nahles den Vorsitz übernehmen sollte – wir sind eine demokratische Partei. Und was den Vogel angeht: Die Ablehnung der Groko in der Bevölkerung ist ja so groß, dass wir jetzt schon in den Umfragen verlieren. Wir müssen die SPD wieder nach links rücken.

Verlieren Sie nicht eher deshalb, weil die Leute endlich eine Regierung haben wollen? Ja, das höre ich vor allem von alten Menschen. Aber in einer großen Koalition haben wir jetzt zweimal verloren. Wir müssen weiter als vier Jahre in die Zukunft schauen. Wir brauchen wieder Mut.

Jetzt klingen Sie genauso wie Kevin Kühnert … Wir sind da auch einer Meinung.

Was wollen Sie denn mit Ihrem Engagement in der SPD erreichen? Soziale Gerechtigkeit und gleiche Chancen liegen mir sehr am Herzen. Ich bin selbst der erste aus meiner Familie, der studiert. Oft liegt es eben immer noch daran, wo man hineingeboren wird. Das sieht man auch in unserem Bezirk, am Gefälle zwischen Nord und Süd. Wenn wir eine echte Leistungsgesellschaft sind, darf genau das keine Rolle mehr spielen.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de.

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