Nachbarschaft

Veröffentlicht am 15.05.2018 von Ingo Salmen

Angela Besuch, 57, aus Mahlsdorf-Nord ist Mutter einer mehrfach schwerstbehinderten Tochter im Alter von 31 Jahren und gehört dem Vorstand des Selbsthilfevereins „Eltern helfen Eltern Berlin-Brandenburg“ an. Seit 22 Jahren engagiert sie sich auch als Vorsitzende im Behindertenbeirat Marzahn-Hellersdorf.

Frau Besuch, worin besteht die Arbeit des Behindertenbeirats? Den Beirat gibt es in allen Bezirken. Überwiegend sind Selbsthilfegruppen darin vertreten, Behindertenwerkstätten, Wohneinrichtungen und Begegnungsstätten. Das sind also Betroffene und beruflich Involvierte, insgesamt 19 Mitglieder. Wir laden die politischen Entscheidungsträger ein und versuchen, die angehäuften Probleme und Misstände abzustellen, die nach wie vor vorhanden sind.

Was haben Sie schon erreicht? Das ist eine sehr gute Frage. Die IGA zum Beispiel war die behindertenfreundlichste IGA, die es je gegeben hat. Vieles sind globale Verbesserungen, wie die Erhöhung des Pflegegelds, die natürlich nicht auf unsere Arbeit zurückzuführen sind. Die vielen verschiedenen Wohnformen, vom betreuten Wohnen bis zum Einzelwohnen, die es inzwischen gibt, die sind schon toll und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr engagiert. Auch die ambulanten Dienste haben zugenommen – aber der Bedarf ist damit noch nicht gedeckt.

Wo liegen die Probleme in Marzahn-Hellersdorf? Dass wir die Parksituation klären. Seit die Wohnungsbaugesellschaften die Parkplätze übernommen haben, sind viele Behindertenstellplätze weggefallen. Das bedeutet immense Wege. Ein ganz großes Anliegen betrifft die Gehörlosen: Bei der kommunikativen Barrierefreiheit gibt es große Mängel. Darauf sind die Behörden nicht eingestellt. Oft muss weit vorher ein Antrag auf einen Gebärdendolmetscher gestellt werden, damit bei einem Behördenbesuch einer dabei ist. Kurzfristig zum Amt gehen, geht meist nicht.

Wo ist sonst noch Handlungsbedarf? Die Kapazitäten der Mobilitätsdienste sind überlastet. Auch da muss man sich 14 Tage vorher anmelden – und dann klappt es doch oft nicht, weil sie später oder früher kommen als vereinbart. Und Inklusionstaxis gibt es auch nur ein paar in ganz Berlin. Es sind viele Umstände, die einen mitunter sehr wütend machen – vor allem, für wie viele kleine Dinge man kämpfen muss, wo für anderes Milliarden herausgeschmissen werden. Man macht immer zwei Schritte vor und einen zurück. Arbeit für Behinderte, angemessener Wohnraum, Mobilität, auch Diskriminierungen: Diese Hauptthemen schleppen sich über Jahre hin, und es wird immer nur punktuell etwas erreicht, nicht flächendeckend.

Ist das Bewusstsein nicht ausreichend vorhanden? Nein, es fehlt das Bewusstsein, die Problematik wirklich anzugehen. Dabei können wir in zehn, zwanzig Jahren alle selbst betroffen sein. Ein Unfall, eine Krankheit – das geht oft schneller, als man denkt. Und dann versteht man erst, was all die Anträge und Gutachten und Vorschriften für einen Aufwand bedeuten. Viele Leute, oft ältere, sind mit dem ganzen Behördenapparat einfach überfordert. Das höre ich immer wieder, wenn ich mit anderen pflegenden Angehörigen spreche. Es ist erschreckend, wie wenig sie über ihre Rechte wissen. Eine Selbsthilfegruppe unterstützt dabei, durch diesen Dschungel zu finden. Sie fängt einen auch emotional auf in der ersten schwierigen Zeit, und man muss sich nicht rechtfertigen. Aber ich kann auch die verstehen, denen es zu viel wird, sich auch noch das Leid der anderen anhören zu müssen. Man muss nicht alles selbst können – es hilft aber zu wissen, wer es kann.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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