Nachbarschaft

Veröffentlicht am 31.07.2018 von Ingo Salmen

Wer nach den Orten sucht, an denen dieser Bezirk zusammengehalten wird, sollte einmal in der Riesaer Straße 94 in Hellersdorf vorbeischauen. Erdgeschoss, gleich hinter dem Pförtner rechts, ein schmaler, kurzer Gang, vier Büros, eine kleine Küche, ein Besprechungszimmer. Dort sitzen Carola Stegemann, Anja Hartfiel, Anja Schauer und Mathias Lütjemüller. Sie gehören seit April zum Kriseninterventionsteam, kurz: KIT, des Jugendamtes. Mein Kollege Karl Grünberg hat sie jetzt bei der Arbeit begleitet. Er ist ein erfahrener Reporter, einer der besten, die ich kenne, doch diese Recherche hat auch ihn mitgenommen.

Es ist eine Begegnung mit dem permanenten Ausnahmezustand. Da ist Matthias mit dem Messer, „weil ich damit meine Mutter abstechen will“, der noch ein Nachtlager braucht, gerade acht Jahre alt. Da ist die Suche nach den Kindern, nachdem eine Frau sich das Leben genommen hat, da ist der Vater, der am Imbiss steht und säuft, seine Tochter daneben. Da sind die drei kleinen Geschwister aus dem Flüchtlingsheim mit den frischen Verbrennungen auf der Haut, und das sind nur einige Fälle eines einzigen Tages. Einmal kam eine Mutter und brachte ihren Sohn mit vollen Koffern vorbei. Den Jungen wolle sie abgeben. Sie habe ihn sowieso noch nie gemocht und wolle nun ein neues Leben beginnen. Das Auto war schon gepackt.

Diese Geschichte gibt den vielen Kinderschutzfällen, mit denen sich das Jugendamt beschäftigen muss, wenigstens einige persönliche Züge, lässt das Leid, das sich sonst hinter Statistiken verbirgt, konkret erscheinen. Sie macht die Zahlen aber auch unfassbarer, wenn man überlegt, wie belastend schon die wenigen Beispiele wirken, von denen es doch tausend ähnliche allein in Marzahn-Hellersdorf gibt. „Manchmal stehen sie im Dreck. Manchmal sind die Kinder gesund und munter. Manchmal mit blauen Flecken übersät. Manchmal wünschten sie sich, dass es nur blaue Flecken wären“, schreibt Karl Grünberg über das Ausmaß der Verwahrlosung und Misshandlungen, mit denen sich die KIT-Mitarbeiter täglich konfrontiert sehen.

Das Problem ist so gewaltig, dass neue politische Lösungen nötig sind. Da hat Familienstadtrat Gordon Lemm (SPD) recht – und da wird er auch in Zukunft gefordert sein. Aber geben wir uns keinen Illusionen hin: Diese Reportage zeigt auch, dass das Problem nicht schnell zu lösen sein wird. Das Krisenteam übernimmt alle neuen Fälle und sollte den Regionalen Sozialpädagogischen Dienst entlasten, der die Kinder längerfristig betreut. Dabei kann es kaum den Personalmangel ausgleichen, der hier genauso herrscht wie in anderen Jugendämtern der Republik. Fehler beim Umgang mit den vielen Kinderschutzfällen sind kaum zu vermeiden. Die nächste schlimme Meldung, woher auch immer in Deutschland, wird kommen. Dem müssen wir nüchtern entgegensehen. Auch wenn sie uns so bewegt.

Den ganzen Text aus unserer Beilage „Mehr Berlin“ lesen Sie hier.

Illustration: Sabine Israel

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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