Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.10.2018 von Ingo Salmen

Ingrid Gorr, 65, Autorin, Fotografin, Gartenfreundin, ist 2017 nach 30 Jahren von Schmargendorf nach Biesdorf-Süd gezogen.

Frau Gorr, von Schmargendorf nach Biesdorf. Warum? Der Liebe wegen. Dieser neue Mann, den ich nach meiner Trennung kennengelernt habe, wohnt in Biesdorf. Wir haben lange hin und her überlegt und uns für sein Häuschen hier entschieden. Neben dem Hausrat musste auch der Garten umziehen. Dadurch bin ich eine Expertin im Umziehen von großen und alten Pflanzen geworden. Viele Stauden und Gehölze habe ich umgepflanzt, und mindestens 95 Prozent sind angewachsen.

Aber einen alten Baum verpflanzt man doch nicht. Den vielleicht nicht. Aber mit meinen 25 Jahre alten Hortensien habe ich es gemacht – und sie blühen wieder. Das Wissen sitzt einfach drin, schon von klein auf habe ich in Süddeutschland in Gärten mitgeholfen, da lernt man viel. In Wilmersdorf hatte ich 1500 Quadratmeter um das Haus herum. Von 1988 an habe ich aus einem einfachen Rasengarten einen schönen Staudengarten gemacht und bis zu meinem Auszug gepflegt. Diese Leidenschaft wurde auch zu meiner beruflichen Passion. 22 Jahre lang war ich im Vorstand des Vereins der Freunde des Botanischen Gartens aktiv und habe auch Bücher geschrieben, Hauptstadtgarten im Bäßler-Verlag und Pflegeleichter Garten im Kosmos Verlag.

Wie ist es denn um die Gärten in Marzahn-Hellersdorf bestellt? Unsere Nachbarn haben schöne Gärten, da wandern die Stauden hin und her. Toll sind auch die Gärten der Welt und der Schlosspark Biesdorf – aber wenn man neue Ideen für den Schlosspark entwickeln würde, da könnte man was machen. Wie die Königliche Gartenakademie in Dahlem vielleicht, nur etwas einfacher, mit Beeten für Schulen und Mustergärten. Das muss natürlich im Einklang mit dem Denkmalschutz stehen, man würde den Park ja nicht flächendeckend beackern. Nur in einigen erlaubten Bereichen.

Wo gibt es sonst noch etwas zu verbessern? Die öffentlichen Grünanlagen werden nicht so gut gepflegt. Und als es in diesem Sommer so heiß war, hätte manch ein Supermarkt auch seine eigenen Bäume gießen können. Wenn es regnet, stehen hier dagegen die Straßen unter Wasser. Wir haben keine vernünftige Entwässerung hier. Ich denke manchmal, so sieht es in der Ostukraine aus. Letztes Jahr sind die Straßen und Keller im Sommer fast abgesoffen. Die Köpenicker Straße säuft auch ab – aber nicht mit Wasser, sondern durch den starken Verkehr. Wie weit die Planung der TVO gediehen ist, weiß ich nicht, aber eine Entlastung wäre dringend nötig. Die Köpenicker Straße ist ja die Verbindung von der Stadtautobahn zur B 1 und weiter zum Ring.

Welchen Eindruck haben Sie außerdem von Ihrem neuen Zuhause? Es könnte etwas kieziger sein. In der Gegend gibt es kein Café, wenig gute Restaurants. In der Oberfeldstraße und an der Hönower Straße schon, aber eben nicht viele. Die müssen nicht hochpreisig sein, aber ordentlich. Und das Café im Schloss Biesdorf macht um 18 Uhr zu! Warum gibt es bei dieser wunderbaren Terrasse kein Restaurant, das bis 22 Uhr geöffnet ist? Es ziehen doch jetzt viele Leute hier her – darauf sollte sich der Bezirk einstellen, das ist sicher eine politische Aufgabe. Schön ist natürlich das viele Grün, dass man mit dem Fahrrad durchs Wuhletal fahren kann oder zum Müggelsee. Und die U-Bahn-Anbindung ist gut. Ich kann schnell ins Getümmel der Innenstadt und bin auch schnell wieder hier draußen, ohne auf das Auto angewiesen zu sein.

Derzeit pendeln Sie oft zwischen Biesdorf und Kreuzberg. In der Remise eines befreundeten Künstlers habe ich im Oktober eine Ausstellung mit 59 Arbeiten. Abstrakte Fotografien und Makroaufnahmen habe ich als Thema gegenübergestellt. Die einen setzen auf extreme Schärfe und Genauigkeit, die anderen sind verwischt. Die Kunst dabei ist, einen Teil des Bildes erkennbar zu belassen, den anderen ins Ungenaue, Ungefähre zu bringen. Das mache ich mit der Technik der Kamera. Ich hoffe, dass ich meine Bilder auch im Bezirk ausstellen kann. Die Wuhletalkirche wäre sehr schön. Am 4. November bin ich zusammen mit den Alphabettínen im Schloss Biesdorf. Um 14 Uhr gibt es eine Lesung mit vier Frauen dieser Autorinnengruppe mit unterschiedlichen, spannenden Texten. Ich werde wahrscheinlich etwas Grünes vorlesen: vielleicht meinen Lilienzüchterinnen-Kurzkrimi.

„grün hinter grün“: Ausstellung in der Künstlerremise Frank Donati, Paul-Lincke-Ufer 11, Ecke Liegnitzer Straße, samstags und sonntags von 16 bis 19 Uhr, noch bis zum 28. Oktober. Die Künstlerin ist anwesend.

Weitere Infos: ingrid-gorr.de; Gartenseite: facebook.com/ingridsgartenhaus; Autorinnengruppe: alphabettinen.de

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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