Nachbarschaft

Veröffentlicht am 20.11.2018 von Ingo Salmen

Sten Meißner, 35, arbeitet bei der Flughafenfeuerwehr in Schönefeld und gehört außerdem der Freiwilligen Feuerwehr Hellersdorf an, wo er praktisch neben der Wache wohnt. Als Vorsitzender ihres Fördervereins ist er am Sonnabend mit der Ehrennadel in Bronze am Bande des Landesfeuerwehrverbandes ausgezeichnet worden.

Herr Meißner, wofür haben Sie die Auszeichnung bekommen? Diese Auszeichnung galt dem Förderverein mit seinen engagierten Mitgliedern für seine jahrelangen Bemühungen, die Freiwillige Feuerwehr Hellersdorf zu unterstützen – und das in vielerlei Hinsicht: Wir sind Ansprechpartner für jede erdenkliche Art von Problemen und damit ein Verbindungsstück zwischen Feuerwehr und Politik, aber auch zwischen Feuerwehr und Wirtschaft, um Sponsoren zu gewinnen. Die benötigen wir zum Beispiel, um unseren Garten zu erneuern oder um Ausbildungsmaterialien finanzieren zu können. Außerdem sind wir Ansprechpartner für die Kameraden selber und helfen ihnen, wenn sie Probleme haben. Schließlich führen wir noch viele Veranstaltungen durch wie Osterfeuer, Lampionumzug und Weihnachtsbaum-Verbrennen, damit die Feuerwehr im Kiez präsent ist, um so auch Mitglieder gewinnen zu können.

Warum ist es wichtig, einen Förderverein zu haben? Der Förderverein dient als Sprachrohr für die Feuerwehr. Das Ehrenamt hat mit vielen Problemen zu kämpfen. Wir halten den Männern und Frauen, die die Arbeit machen, den Rücken frei. Der gemeinnützige Förderverein ist auch dafür da, um Sponsoren zu gewinnen, die in Form von finanziellen Spenden oder Sachspenden das Ehrenamt unterstützen wollen – und sei es, indem sie einen Lkw-Führerschein ermöglichen. Spenden darf die Freiwillige Feuerwehr als Teil einer Behörde im Gegensatz zu einem privaten gemeinnützigen Verein nicht annehmen. Um jedoch die Probleme lösen zu können, benötigt das Ehrenamt auch finanzielle Unterstützung. So haben wir zum Beispiel mit Hilfe von Spenden gerade einen Transporter gekauft …

Einen Transporter? Ja, einen Neunsitzer. Für circa 30.000 Euro. Allerdings brauchen wir noch circa 8000 Euro für Umbauten. Wir haben rund 50 Aktive Kameraden in der Einsatzabteilung  und noch mal rund 50 Jugendfeuerwehrleute. Die müssen immer wieder zu externen Lehrgängen fahren. Dafür haben wir nicht die Fahrzeuge. Von drei Löschfahrzeugen ist eins ersatzlos aussortiert worden, eins ist seit drei Monaten beim TÜV und das dritte ist gerade in der Werkstatt. Zum Glück haben wir von der Berliner Feuerwehr ein Ersatzfahrzeug bekommen, sonst müssten wir die Wache abmelden – wie zum Beispiel gerade in Tegel. Viele können ihr Ehrenamt gar nicht ausüben, weil sie kein Fahrzeug haben. Dabei braucht uns die Bevölkerung. In Hellersdorf haben wir etwa 1400 Alarme im Jahr – da können wir nicht einfach außer Dienst gehen. Ob wir zu Silvester wieder zwei Fahrzeuge haben, wissen wir noch nicht.

Wie gehen die Kameraden damit um? Das ist natürlich demotivierend. Sie hängen mit viel Herzblut an ihrem Ehrenamt – aber dafür müssen dann auch die Rahmenbedingungen stimmen. Darunter verstehen wir zum Beispiel moderne Wachen oder moderne Fahrzeuge, die auf dem neusten Stand sind. Schwierig ist es dann auch, neue Mitglieder zu gewinnen, wenn diese Bedingungen nicht stimmen. Dabei lernt man bei der Feuerwehr so viel fürs Leben. Auch die Aufrechterhaltung der Motivation wird zukünftig immer mehr Aufgabengebiet des Vereines sein, wenn diesbezüglich nichts weiter auf politischer Ebene unternommen wird.

Was muss sich ändern? Im Groben zwei Dinge. Zum einem muss die Politik massiv Geld in die Hand nehmen. Es gibt viele Überschüsse in Berlin, aber in die Feuerwehr fließen die dann alle nicht. Was investiert wird, reicht gerade mal aus, um alles halbwegs funktionsfähig zu halten. Wenn überhaupt. Aber auch die Haltung der Unternehmen gegenüber diesem wichtigen Ehrenamt muss sich ändern. Auch die Unternehmen brauchen wir. Geld- oder Sachspenden sind für das Ehrenamt oft schon eine Hilfe. Aber wichtig ist auch die Unterstützung für die Kameraden. Irgendwann stellt der Arbeitgeber sie vor die Wahl: entweder Arbeit oder Ehrenamt. Viele sind inzwischen schon so weit, dass sie für Lehrgänge ihren regulären Urlaub nehmen, obwohl sie nach dem Landesfeuerwehrgesetz dafür freigestellt werden müssten. Der Urlaub ist ja auch für die Erholung da. Das Verständnis ist einfach nicht mehr da und viele erkennen die Wichtigkeit des Ehrenamtes nicht. Faktisch kann man sagen: Gibt es kein funktionierendes Ehrenamt, gibt es auch keinen Katastrophenschutz. Dann muss jeder selbst schauen, wie er sich aus einer Notfallsituation befreit. In der Stadt ist alles auch so anonym. Viele wissen gar nicht, dass es die Freiwillige Feuerwehr gibt.

Reden Sie sich eigentlich gerade um Kopf und Kragen? Die Flughafenfeuerwehr ist unabhängig von der Berliner Feuerwehr. Da wird umgesetzt, worauf viele Berliner Beamte und ehrenamtliche Kräfte seit langem warten. Bei der Flughafenfeuerwehr wird gerade alles modernisiert.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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