Nachbarschaft
Veröffentlicht am 19.02.2019 von Ingo Salmen
Christine Stüber-Errath, 62, Welt- und Europameisterin im Eiskunstlauf mit Berliner Wurzeln, Wohnsitz in Brandenburg, einem Herz für Marzahn-Hellersdorf und einer späten Karriere als Schauspielerin.
Am Weltfrauentag, dem 8. März, feiert um 20.15 Uhr bei Arte ein Film seine Fernsehpremiere, der auch mit diesem Bezirk zu tun hat. In „Die Anfängerin“ spielt Christine Stüber-Errath in einer Nebenrolle sich selbst als eine Hobby-Eiskunstläuferin, die im reifen Alter ihre Pirouetten im Sportzentrum Hohenschönhausen dreht und einer anderen Frau begegnet, die sich einen Kindheitstraum erfüllen will. Auch sie möchte Eiskunstlauf lernen – was ihr die strenge Mutter in Kindertagen immer verboten hatte. Eine Schlüsselszene des Films spielt im Marzahner Haus des Sports in der Eisenacher Straße 121. Bei einer Veranstaltung, bei der Stüber-Errath im Mittelpunkt steht, klärt sich plötzlich der Konflikt zwischen Mutter und Tochter auf. „Die Komparsen“, erzählt Stüber-Errath, „sind alle aus Marzahn-Hellersdorf.“
Ihre Jugend hat sie zu ungeahnten Höhen geführt. 1973, 1974 und 1975 war Stüber-Errath dreimal in Folge Europameisterin im Eiskunstlauf, 1974 holte sie gar den Weltmeistertitel und 1976 bei den Winterspielen in Innsbruck auch die Bronzemedaille. Kurz danach, mit nur 19 Jahren, war ihre sportliche Karriere schon zu Ende. Bei einem Sturz in der Olympia-Vorbereitung hatte sie sich eine schwierige Verletzung am rechten Fuß zugezogen, konnte sich gerade noch rechtzeitig zurückkämpfen. Doch für das Sportsystem, das ohnehin die meisten Erfolgsläuferinnen in Karl-Marx-Stadt rekrutierte, war sie danach nicht mehr viel wert. „Ich habe gespürt, wie ich vom Verband sofort fallengelassen wurde.“ Nach einem Studium fand sie im DDR-Kinderfernsehen eine neue Aufgabe, ab den 90ern schloss sie als Moderatorin der MDR-Sendung „Außenseiter-Spitzenreiter“ daran an.
Auf dem Eis stand Stüber-Errath jedoch 20 Jahre lang nicht. Erst als Regisseurin Alexandra Sell sie auf das Filmprojekt ansprach, schnürte sie wieder die Schlittschuhe. Vier Jahre lang trainierte sie wieder in der Eishalle an der Paul-Heyse-Straße in Friedrichshain. Heute ist sie selbst wieder Hobbyläuferin. „Ich wollte auch Mut machen, dass man sich in jedem Alter etwas zutrauen sollte“, erklärt sie die Energie, mit der sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitete.
Dem Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist Stüber-Errath seit vielen Jahren verbunden. Das liegt am Bezirkssportmuseum, dessen Bezeichnung nahelegt, es könnte sich um ein Museum für Sportlerinnen und Sportler aus dem Berliner Nordosten handeln. Treffender wäre der Name: Museum des ostdeutschen Sports. Denn der Bezirkssportbund, allen voran sein Kurator Wolfgang Turowski, hat im Haus des Sports Erinnerungsstücke aus vier Jahrzehnten DDR-Sport und drei Jahrzehnten ostdeutschem Sport nach der Wende versammelt. „Wir Sportler, die aus der DDR kommen, haben nicht so viele Plätze, an denen unsere Arbeit gewürdigt wird“, sagt Stüber-Errath. Seit vielen Jahren schon unterstützt sie deshalb das Museum, hat ihr Kürkleid und ihre Goldmedaille von der Europameisterschaft 1975 gestiftet, besucht Veranstaltungen und Feste. „Wir sind eine große Familie.“ Olympia-Bronze hat Stüber-Errath sich für den Film noch einmal ausgeliehen – doch auch diese Medaille soll bald wieder in die Sammlung zurückkehren.
Einen weiteren Bezug gibt es im Film noch zu Marzahn-Hellersdorf. Schlagerstar Frank Schöbel, der in Mahlsdorf lebt, hat dem Projekt zwei seiner Lieder geschenkt, darunter „Gold in deinen Augen“. Seit Jahrzehnten ist Stüber-Errath mit ihm befreundet. Das Lied hat sie früher schon beim Schaulaufen im Westen für ihre Kür verwendet, erzählt sie. „Deshalb ist Frank Schöbel auch in den USA gespielt worden.“
„Meine erste 6.0“: Erinnerungen an ihr bewegtes Leben hat Stüber-Errath mit Autor Jens Rümmler in einem Buch zusammengestellt, das über ihre Website erhältlich ist.
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