Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.02.2019 von Ingo Salmen

Julia Friedrich, 36, ist Personalentwicklerin in Elternzeit und absolviert währenddessen ein Teilzeitstudium an der Alice-Salomon-Hochschule im Master Netzwerkmanagement „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Die Mahlsdorferin hat zwei Kinder in der Schule und eines in der Kita. Seit Januar 2018 ist sie Vorsitzende des Bezirkselternausschusses Kita. Und das ist auch Thema unseres Gesprächs.

Frau Friedrich, wie ist es um die Kitas in Marzahn-Hellersdorf bestellt? Natürlich findet Kita-Ausbau statt, es werden viele Einrichtungen eröffnet – aber es stehen noch nicht alle Plätze zur Verfügung, die gebraucht werden. Unsere Sorge ist, dass die Qualität in den Einrichtungen leidet, wenn vorrangig versucht wird, Quantität zu schaffen. Grundsätzlich sind wir mit unseren Kitas aber zufrieden, weil die Einrichtungen auch mit viel Engagement ihre Konzepte weiterentwickeln. Kinderrechte und Mitbestimmung spielen zum Beispiel eine große Rolle, auch eine in den Alltag integrierte Sprachförderung, die Kinder bestärkt, ihre Sprachfähigkeiten zu entwickeln. Die Arbeit orientiert sich an den Bedürfnissen der Kinder, etwa indem verschiedene Möglichkeiten für freie Spiel- aber auch Ruhephasen geschaffen werden. Gute Kita-Arbeit braucht aber auch gute Rahmenbedingungen. Hier ist die Politik gefordert, diese zu schaffen.

Wo sehen Sie die größten Probleme? Ganz klar beim Personalmangel. Um diese Konzepte umzusetzen, braucht man Geld, Zeit und genug Personal. Doch der hart erkämpfte Personalschlüssel kann oft gar nicht mehr eingehalten werden. Durch die Dauerbelastung kommt es dann leicht zu weiteren Ausfällen. Der Beruf ist dadurch nicht so attraktiv, dass junge Menschen sich für ihn entscheiden würden. Deshalb unterstützen wir aus Elternsicht auch die aktuellen Streiks für eine bessere Bezahlung, eine gute Ausbildung und eine höhere Anerkennung und Wertschätzung für die Erzieher*innen. Ein großes Problem ist für uns auch, dass wir keine verlässliche Planung haben. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass wir nach Ende der Elternzeit einen Kita-Platz bekommen – trotz aller Bemühungen zur Schaffung von Betreuungsplätzen und der rechtlichen Ansprüche. Wahlfreiheit ist aktuell auch nicht gegeben, jeder ist irgendwie froh, überhaupt einen Platz zu haben. In diesem Punkt sind aus meiner Sicht aber auch Unternehmen gefragt, Väter darin zu bestärken und zu unterstützen, Elternzeit zu nutzen oder auch Teilzeitmodelle in Anspruch zu nehmen.

Welches Potenzial messen Sie der Tagespflege bei? Die ist eine gute Alternative für viele Eltern, gerade auch als Einstieg wegen der kleinen Gruppen. Aber auch hier gibt es Herausforderungen: Die Betreuungszeit ist oft kürzer und für einige Eltern schwer mit dem Beruf zu vereinbaren. Ein Problem ist es auch, Ersatz zu finden, wenn Tageseltern durch Krankheit ausfallen. Dieses Modell muss sicher gefördert werden, aber es deckt den hohen Bedarf ebenfalls nicht ab.

Mit dem Bezirkselternausschuss hatten viele vermutlich noch nie zu tun – was macht der eigentlich? Wir vertreten die Interessen der Eltern, die Kinder in den Kitas in Marzahn-Hellersdorf haben – gegenüber dem Bezirk, den Trägern, auch auf Landesebene. In unserer ehrenamtlichen Gremienarbeit setzen wir uns mit den Themen auseinander, die vor allem die Kitazeit, aber auch den Übergang von der Kita in die Schule betreffen. Zudem sind wir beispielsweise beratend in der Spielplatzkommission vertreten. Eine wichtige Aufgabe ist die Unterstützung der Elternarbeit in den Einrichtungen, auch beim Aufbau dieser Strukturen in neuen Kitas. Viele Einrichtungen wissen um den Wert der Elternarbeit, sie führt zu Erleichterungen in der Zusammenarbeit mit den Eltern und zu einer verbesserten Kommunikation. Eine gute Erziehungspartnerschaft bringt die unterschiedlichen Perspektiven von Eltern mit der Arbeit der Kitas in Einklang. Da bemühen sich die Einrichtungen sehr, was wir auch daran merken, dass regelmäßig Fachpersonal aus den Einrichtungen zu unseren Versammlungen kommt.

„Wertschätzende Kommunikation in Kita und Familie“ ist das Thema der ersten Vollversammlung des Bezirkselternausschusses in diesem Jahr. Sie findet an diesem Donnerstag, 28. Februar, um 18.30 Uhr im Rathaussaal des Rathauses Helle Mitte am Alice-Salomon-Platz 3 statt. Eingeladen sind alle Eltern von Kindern in Kitas oder Tagespflege in Marzahn-Hellersdorf sowie Kita-Personal und Tageseltern. Mehr Infos: beakita-marzahn-hellersdorf.de

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de