Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.04.2019 von Ingo Salmen

Die Entwicklung von Städten vollzieht sich nicht nur in Monaten und Jahren, sondern auch in Jahrzehnten und Jahrhunderten. Daran gemessen, hat Marzahn-Hellersdorf 40 Jahre nach seiner Bezirksgründung wohl das Erwachsenenalter erreicht. Mit der Großsiedlung wurde eine ganz neue Stadt auf Rieselfeldern errichtet. Die ersten Bewohner haben inzwischen das Rentenalter erreicht, die ersten Kinder stehen voll im Leben. Es eröffnen sich viele Perspektiven für Rückblicke und Reflexionen, und manches Sediment der Geschichte, mancher Anstrich hat sich inzwischen über die Siedlung gelegt. „Risse im Asphalt“, könnte man sagen, legen Erinnerungen an frühere Zeiten frei. Und so heißt denn auch ein Buch der Autorin Stefanie Röfke über ihre „Kindheit im Sozialismus“, eine Kindheit in der Platte in Marzahn.

Röfke ist Jahrgang 1980, die ersten Jahre verbrachte sie mit ihren Eltern in einem bemitleidenswerten Altbau in Prenzlauer Berg. 1984 zog die Familie nach Marzahn in einen Elfgeschosser. Die Autorin, die später Geschichtswissenschaft und Polonistik studierte, lebt heute im englischen Yorkshire. „An einem Sommermorgen des Jahres 2017 kehrt Stefanie Röfke zum Ort ihrer Kindheit zurück, in die Plattenbausiedlung Marzahn im Ostteil Berlins“, erfahren wir auf dem Klappentext. Entstanden ist daraus ein 194 Seiten langes Erinnerungsbuch, erschienen im Berlin Story Verlag. Eindrücke ihrer Rückkehr mischen sich mit Erinnerungen an ihre Kindheit und – da kommt die Historikerin durch – allgemeinen Ausführungen über die Entwicklung der DDR.

Leider weist das Buch einen Mangel auf: Röfke hat sich dafür entschieden, nicht das Haus oder wenigstens die Straße konkret zu benennen und zu beschreiben, wo sie einst wohnte, sondern führt einen fiktiven Plattenbau in der fiktiven Lilienstraße 21 ein, der in ihrer Erzählung vor dem Abriss steht. Die Phase des Rückbaus liegt in der Großsiedlung schon lange zurück, der Eindruck des Verfalls, den die Autorin bei ihrem ebenfalls fiktiven Gang durchs Gebäude und die frühere Wohnung ausbreitet, ist nur bedingt durch die Gegenwart gedeckt. Der Ort Marzahn bleibt in den Beschreibungen, ob von heute oder damals, merkwürdig konturlos.

Dieser missglückte Start lässt Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erinnerungen aufkommen, zumal sie in einer überladenen Sprache transportiert werden, die den Leser leicht überfordern: Da „bröckeln Krumen aus dem Gemäuer und landen hüpfend auf sandigem Boden“, wo sie doch nur über die Wand streicht. Und als sie vor einer Tür steht: „Mit dem Unterärmel meiner Jacke wische ich ein kopfgroßes Guckloch in das zugestaubte Sichtfenster, lege meine Hände blendenförmig an die Scheibe und blicke neugierig in das Innere.“ So geht das anfangs Satz für Satz. Unklar bleibt auch, woher Röfke heute noch so genau weiß, dass sie als kleines Kind mit „geröteten Wangen“ zum Spielplatz eilte, und wie sie überhaupt genau erinnern kann, was die Umzugshelfer sprachen, als sie gerade vier Jahre alt war. Bei den Schilderungen ihrer ersten Lebensjahre hätte es gutgetan, ein paar Lücken zuzulassen oder wenigstens darzulegen, woher die Erinnerungen stammen (von den Eltern?).

Das Buch gewinnt ab dem Punkt, wo Röfke auf die späteren Jahre ihrer Kindheit zu sprechen kommt, wo die Geschichten auch glaubhaft konkreter werden – ob es um Weihnachten und Silvester als Refugien der Familie vor dem Staat geht, Schilderungen sozialistischer Infiltration in Kita und Schule (der früheren Polytechnischen Oberschule „Adolf Hennecke“ in der Liebensteiner Straße) oder vom Leben im Ferienlager. Plastisch führt Röfke die Trennung von ihrem Schulfreund vor Augen, der Ende der 80er plötzlich verschwand (in den Westen nämlich). Manches Wort, mancher Satz, die mir als Kind derselben Generation, aber eben aus dem Westen, verschlossen bleiben, mögen Zeitgenossen aus der DDR auf ganze Bände von Erinnerungen stoßen.

Röfke ist heute weit weg von Marzahn. „In den Baumkronen flüstern die Blätter unbekannte Geschichten. Stimmen, Gerüche und Klänge bleiben nicht haften“, schreibt sie, als sie einen Gang durch die Siedlung schildert. „Ich gehöre nicht mehr hierhin.“ Daraus ergibt sich die Spannung zu den Erinnerungen an das verschüttete Gestern, das für die Autorin weder „Asphaltwüste“, noch „trauriges Nirgendwo“ ist, sondern „Ort meiner Kindheit, lebendig und farbenfroh“. Es sind Erinnerungen, die viele teilen werden. Risse im Asphalt gab es auch nach der Wende zahlreich, doch leider endet das Buch nach dem Fall der Mauer. Es gäbe noch viel zu entdecken.

Das Haus der Familie Röfke steht bis heute. Die Autorin hat es kürzlich noch einmal besucht, für ein hörenswertes Gespräch im „Ostwärts“-Podcast. „Unser damaliger Wohnblock in Marzahn“, steht unter einem Foto auf Röfkes Website. Zu sehen ist sie dort vor der Schleusinger Straße 11, die Geländer in Pink gestrichen.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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