Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.05.2019 von Ingo Salmen

Martina Gerhardt, 44, ist in Marzahn aufgewachsen und lebt heute in Lichtenberg. Seit 2010 betreibt sie die Hufeland Apotheke im Ärztehaus an der Mehrower Allee. Gerhardt engagiert sich bei der Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen und ist dort Projektkoordinatorin für Tansania.

Frau Gerhardt, jeder kennt die Ärzte ohne Grenzen, aber deutlich weniger die Apotheker ohne Grenzen. Was hat es damit auf sich? Apotheker ohne Grenzen besteht in Deutschland seit dem Jahr 2000 und ist eine relativ junge Organisation, entstanden aus dem französischen Zweig. Seit unserer Gründung setzen wir uns für eine nachhaltige Verbesserung der medizinischen Versorgung von Menschen in Entwicklungsländern ein. Wir machen sowohl Nothilfeeinsätze als auch langfristige Entwicklungsprojekte. Abgesehen von vier hauptamtlichen Mitarbeitern in der Geschäftsstelle in München, arbeiten wir grundsätzlich ehrenamtlich, auch die Projektkoordinatoren. Wir sind auch viel kleiner als Ärzte ohne Grenzen, haben etwa 2000 Mitglieder, von denen rund 100 in Einsätzen und Projekten tätig sind.

Nach dem Wirbelsturm „Idai“ sind Apotheker ohne Grenzen zum Nothilfeeinsatz nach Mosambik geflogen. Was machen sie dort? Der Zyklon hat ja ziemliche Verwüstungen angerichtet, weshalb die Regierung ausländische Hilfe angefordert hat. Das ist immer ganz wichtig. Wir haben daraufhin ein Fact-Finding-Team entsandt: Eine Apothekerin hat mit unserer Partnerorganisation Navis e.V. geprüft, wo und wie geholfen werden kann. Die Wahl fiel auf ein Zeltcamp für Menschen, die obdachlos geworden sind. Vor allem waren Medikamente gegen Malaria und Cholera wichtig, denn in den überschwemmten Gebieten gibt es viele Mücken und ist das Trinkwasser verseucht. Unsere Partnerorganisation kümmert sich deshalb auch um die Trinkwasseraufbereitung. Unsere Apotheker versorgen zusammen mit Ärzten in einem Zelt bis zu 150 Patienten am Tag. Mittlerweile ist das vierte Team vor Ort. Es waren nur drei vorgesehen, doch der zweite Zyklon „Kenneth“ hat die Lage noch einmal verschärft. Jedes Team bleibt nur zwei Wochen, weil es ehrenamtlich arbeitet, aber auch wegen der körperlichen und psychischen Belastung. Unvorbereitet wird jedoch niemand losgeschickt: Um überhaupt in den Pool der Einsatzkräfte aufgenommen zu werden, muss man zwei mehrtägige Schulungen absolvieren. Und auch bei den Einsätzen gibt es eine unmittelbare Begleitung vorher, währenddessen und nachher.

Sie selbst sind als Projektkoordinatorin für Tansania tätig. Wie kam es dazu? Ich bin schon 2003 nach Ende meines Studiums Mitglied bei Apotheker ohne Grenzen geworden. Nach meiner Promotion bin ich dann 2005 nach Tansania gegangen. Dort hatte das Münchener Tropeninstitut ein Projekt zu HIV und Tuberkulose und brauchte eine Laborleiterin. Eigentlich sollte der Aufenthalt vier Monate dauern, bis zur Verteidigung meiner Arbeit – daraus sind dann vier Jahre geworden. In dieser Zeit kamen auch die Apotheker ohne Grenzen auf mich zu und haben mich gebeten, ein Projekt zu evaluieren, das sie in Tansania betreut haben.

Betreuen Sie das Projekt auch heute noch? Inzwischen unterstützen wir eine Gesundheitsstation in Hanga, einem kleinen Ort in einer ländlichen Region im Südwesten des Landes, an der Grenze zu Mosambik und Malawi. Sie wird von einer Benediktinerabtei betrieben und versorgt ein Einzugsgebiet von 50.000 Menschen. Es gibt 50 stationäre Betten und jeden Tag 50 ambulante Patienten, die von 34 Angestellten betreut werden. Von großer Bedeutung ist auch eine Mutter-Kind-Station mit einem einfachen Operationssaal, in dem Kaiserschnitte vorgenommen werden können. Die Kinder- und Müttersterblichkeit bei der Geburt ist in Tansania sehr hoch – und das nächste größere Krankenhaus ist 40 Kilometer entfernt.

Welchen Beitrag leisten die Apotheker ohne Grenzen? Wir begleiten die Station seit 2008. Das Erste, was wir gemacht haben, war die Einführung eines Lagermanagements für die kleine Apotheke und die Schulung von Mitarbeitern. Medikamente wurden in privaten „Apotheken“ zu überhöhten Preisen gekauft, wo sie oft unsachgemäß gelagert wurden. Es gibt auch einen relativ hohen Prozentsatz an Fälschungen. Damals wurde der Bestand auch nicht richtig dokumentiert, Medikamente wurden immer dann gekauft, wenn mal Geld da war. Das Zweite ist die finanzielle Unterstützung. Bei Action Medeor, die zum größten Teil lokal produzieren lassen, werden quartalsweise Medikamente in verlässlicher Qualität bestellt und von Apotheker ohne Grenzen mitfinanziert. Das Ziel ist es, eine bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, die selber meist nicht genug Geld dafür hat. Deshalb kann sich die Gesundheitsstation auch nicht alleine tragen.

Bald reisen Sie selbst wieder nach Tansania. Was steht dann an? Ab dem 20. Mai besuche ich zwei Wochen lang unser Projekt in Hanga. Wir werden eine Inventur vornehmen, uns das Lager und die Dokumentation ansehen. Ich werde auch mit den Ärzten die Liste der benötigten Medikamente anpassen. Die Probleme ändern sich nämlich: Am häufigsten sind Malaria, Atemwegs- und Durchfallerkrankungen, aber wir haben auch in Entwicklungsländern immer häufiger chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck. Und der Bedarf steigt auch ständig. Außerdem werde ich Schulungen geben. Die hohe Fluktuation beim Personal ist ein großes Problem. Wer die Möglichkeit hat, in den besser bezahlten Regierungsdienst zu wechseln, geht oft weg. Seit vergangenem Jahr hat die Station aber endlich eine Apothekerin, mit der ich mich auch treffen werde. Wir wollen langfristig ja erreichen, dass wir nicht mehr nötig sind.

In der Hufeland Apotheke hat Martina Gerhardt eine Spendenbox aufgestellt. Wer ihre Arbeit unterstützen möchte, kann auch direkt Geld an Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V. bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, IBAN: DE 88 3006 0601 0005 0775 91, überweisen. apotheker-ohne-grenzen.de

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