Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.06.2019 von Benjamin Reuter

Applaus, wem Applaus gebührt: In diesem Fall den Schülerinnen und Schülern der Interessengemeinschaft (IG) Friedenstaube des Otto-Nagel-Gymnasiums (ONG) in Biesdorf. Die IG wurde am vergangenen Donnerstag von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und dem Cornelsen-Verlag mit dem „fair@school“-Preis ausgezeichnet. Die Friedenstauben gehörten zu den drei Gewinnern in diesem Jahr.

Die Friedenstauben, das sind 15 Schülerinnen und Schüler des ONG, die sich teilweise schon seit Jahren in der Initiative engagieren. Unter dem Motto „Soziale Schule. Humane Welt“ richten sie Projekttage für ihre Mitschüler aus. Darunter ist unter anderem ein Projekt über die politisch und religiös motivierte Gewalt im Holocaust. Ein weiteres Projekt befasst sich mit der Inklusion von Menschen mit körperlicher Behinderung in der Arbeitswelt. Auch zu den Themen nachhaltiges Leben in der Großstadt und Gleichberechtigung gibt es Projekttage. Hinzu kommt noch eine jährliche Talentshow, deren Einnahmen unter anderem an das Kinderhospiz Berliner Herz gehen. Mehr als 10.000 Euro an Spenden kamen in den vergangenen Jahren zusammen. Und als wäre das nicht schon genug, organisieren die Tauben außerdem ein Fußballturnier unter anderem mit Kindern aus der Flüchtlingsunterkunft Blumberger Damm. Mehr als 700 Schüler nehmen pro Jahr an den Projekten der Tauben teil.

Aber wie schafft man das alles während der Schulzeit? Anruf bei Lara Schulze Harling und Annabelle Poltmann, die den Preis am Donnerstag mit drei weiteren Schülerinnen des Gymnasiums entgegen genommen haben. Der Aufwand ist tatsächlich groß, erzählen die beiden. Vor allem, wenn man gerade Abitur macht wie Lara oder ein freiwilliges soziales Jahr am ONG wie Annabelle. Einmal die Woche ist Mitgliedertreffen der Tauben, zusätzlich können noch zwei bis vier Wochenstunden Arbeit und Vorbereitung anfallen.

Für den Erfolg des Projekts sei aber auch die Unterstützung der Schulleitung und der Eltern ein Faktor, sagen Lara und Annabelle. So ermögliche die Schulleitung, dass die Projekttage während der Unterrichtszeit stattfinden. Und nicht nur das: Die Projekte sind sogar Bestandteil des Curriculums. Die Eltern würden wiederum helfen, in dem sie die Aktivitäten mit Spenden unterstützen. Wichtig ist den beiden aber, dass die Projekte komplett lehrerunabhängig stattfinden und allein von den Schülern veranstaltet und organisiert werden. 

Zum ersten Mal abgehoben sind die Friedenstauben im Sommer 2015. „Die IG hat damals mit drei Abiturienten begonnen, die soziale Projekte fortführen wollten, die es an der Schule schon gab“, erzählen die beiden 18-Jährigen. „Diese Projekte wollten sie auch in einer Initiative zusammenführen.“

„Einzelne Projekte, wie das zum Holocaust, haben wir bewusst in den 7. Jahrgang gelegt, weil die Beschäftigung im Unterricht mit dem Thema erst im 8. Jahrgang beginnt und damit eher spät“, erzählen sie. Das Projekt zur Inklusion finde im 10. Jahrgang statt, weil die Schüler da schon an der Schwelle zum Arbeitsleben stünden und sich das Projekt vor allem mit Integration und Chancengleichheit in der Berufswelt beschäftige.

Steht die IG „Friedenstaube“ für ein insgesamt größeres politisches und soziales Engagement junger Menschen heute? “Was wir beobachten”, sagen die beiden, “ist, dass wir in diesem Jahr nochmal einen starken Mitgliederzuwachs hatten.” Auch als es kürzlich um das Thema Plastik bei einem der Projekttage ging, sei das Interesse groß gewesen. Das führt Annabelle auch auf eine Bewegung wie Fridays for Future zurück. 

Zentral für die beiden ist jetzt, die neuen Mitglieder bei den Tauben so auszubilden, dass sie die Arbeit später fortführen können, wenn sie selbst nicht mehr dabei sind. Lara wird ab Juli ein freiwilliges Wehrdienstjahr in einem Bundeswehrkrankenhaus machen, Annabelle Grundschullehramt studieren.

(Auf dem Foto oben von links nach rechts: Leonora Maljoku, Sophie Gesau, Annabelle Poltmann, Marith Beisker, Lara Schulze Harling. Foto: Dana Wolfram)

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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