Nachbarschaft

Veröffentlicht am 25.06.2019 von Ingo Salmen

Tobias Hippler, 19, ehrenamtlicher Haus-DJ bei der Spielplatzinitiative Marzahn, erfährt gerade, was es heißt, völlig am Boden zu sein und sich plötzlich wieder getragen zu fühlen.

Die Einbrecher kamen im Schutz der Dunkelheit. In der Nacht zum Dienstag vergangener Woche, 18. Juni, betraten Unbekannte das Grundstück des Abenteuerspielplatzes Marzahn-Nord in der Schorfheidestraße 52 und brachen einen Metallcontainer auf, in dem Hippler seine DJ-Ausrüstung gelagert hatte. Die Außentür rissen sie womöglich mit einem Lieferwagen heraus, die innere flexten sie auf – und räumten dann Mischpult, Beschallungsanlage, Lichtanlage und sämtliches Zubehör aus. „Die haben alles mitgenommen“, berichtet Matthias Bielor, Vorsitzender der Spielplatzinitiative. Auch einen Bauwagen nebenan brachen die Kriminellen auf: Darin befindet sich die Werkstatt von Aleksandr Gusev, genannt Puschkin, dem Tüftler und Spielgeräteerfinder der Initiative (hier ein Porträt von ihm in der „Berliner Woche“). Eine selbstgebaute Hobelbank, eine Kreis- und eine Handkreissäge, Akkuschrauber und Bohrmaschinen, alles nahmen die Einbrecher mit. Der Schaden: rund 10.000 Euro, drei Viertel davon entfallen auf die DJ-Anlage, nichts war versichert.

„Ich hatte richtig Angst um den Tobi“, erzählt Bielor. „Für den ist eine Welt zusammengebrochen.“ Seit er vier Jahre alt war, sei er zum Abenteuerspielplatz gekommen, manchmal brachten ihn die Betreuer mit der Schubkarre nach Hause, er wohnt nur fünf Minuten entfernt. „Er gehört zu unserem Verein wie das Inventar“, sagt Bielor. Als der Bezirk vor einigen Jahren von der Diskussion um Flüchtlingsheime beinahe zerrissen worden wäre, wusste auch Tobias zunächst nicht, wie er sich entscheiden sollte. Bielor fragte ihn, daraufhin, ob er bei einem Zuckerfest in der Unterkunft am Blumberger Damm als DJ auflegen könnte. Er willigte ein und sagte später zum Vorsitzenden: „Was soll ich gegen Leute haben, denen es noch schlechter geht als mir?“

Seitdem ist DJ Tobi eine feste Größe bei der Spielplatzinitiative. Wann immer es etwas zu feiern gibt, macht er Musik. Bei Konzerten sorgt er für Mix und Beschallung. Er hat die Idee zur Open Stage gehabt, bei der Kinder jedweder Herkunft mindestens einmal im Monat zeigen, was sie können. Auch Marzahner Oktoberfest und Weihnachtsmarkt hat er angeleiert. Das alles macht Tobias ehrenamtlich, er bekommt lediglich ein kleines Honorar im Rahmen der Ehrenamtspauschale. Die Anlage hatte er sich mühsam zusammengespart.

Jetzt ist alles weg, doch das soll nicht so bleiben. An diesem Sonnabend, 29. Juni, steigt auf dem Abenteuerspielplatz Marzahn-West an der Ahrensfelder Chaussee 26 ein großes Benefizfest unter dem Motto „Soli für Tobi“. Von 15 bis 22 Uhr gibt es Spiel, Show und jede Menge Musik. Die unnachahmlichen Russen-Rocker von Cosmonautix sind dabei, auch Pianoman Thomas Krüger, Schlagersängerin Jacky P., der irakische Breakdancer Hamza Alamriki und weitere Künstler. „Die kennen ja alle Tobi“, sagt Bielor. Die Solidarität führt auch Leute zusammen, die sonst wenig miteinander verbindet: Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau von der Linken, eine langjährige Unterstützerin der Initiative, hat ihren Besuch genauso angekündigt wie der Anti-Mobbing-Aktivist Carsten Stahl, der vom CDU-Abgeordneten Mario Czaja mitgebracht wird. Der Eintritt ist frei, aber Spenden sind natürlich willkommen.

Auch am Montag gibt es an der Ahrensfelder Chaussee etwas zu feiern. Um 14 Uhr lädt die Initiative zum Richtfest. Der Abenteuerspielplatz Marzahn-Nordwest bekommt nämlich aus dem Programm Soziale Stadt ein 180 Quadratmeter großes Funktionsgebäude in Holzbauweise mit Schulungsraum, Nebenräumen, sanitären Einrichtungen und Teeküche. Seit 2015 war es geplant, berichtet Bielor, im April 2018 war endlich Baubeginn, bis Ende 2019 soll es bezogen werden und damit notdürftige Container für Küche und Sanitäres ersetzen. 550.000 Euro öffentliche Gelder hat der Verein dafür bekommen. Übrigens steht auch bei dieser Gelegenheit eine Spendenbox für DJ Tobi bereit. Für Überweisungen gibt es das Konto der Spielplatzinitiative Marzahn bei der Postbank, IBAN: DE42 1001 0010 0735 2821 06, Verwendungszweck: SOLIfürTOBI.

Mehr mit Sachspenden anfangen kann übrigens Puschkin. Der 61-jährige Bastler, der von der Windmühle bis zur Lokomotive schon allerlei Mobiliar für die Spielplätze gezimmert hat, ist gelernter Elektriker. Schon früher hat er viele Maschinen, die ihm andere defekt überlassen hatten, wieder funktionstüchtig gemacht. Auch für den Übergang ist Aleksandr Gusev versorgt, Bielor sei Dank: „Puschkin habe ich erst mal mein eigenes Werkzeug zur Verfügung gestellt.“

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de