Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.07.2019 von Ingo Salmen

Norman Wycisk, 32, ist Inhaber einer Autowerkstatt in Weißensee sowie Gitarrist und, wie er selbst sagt, auf der Bühne auch „Animieräffchen“ der Band Arsen. Deren Kern hat schon zu Schülerzeiten zusammen Musik gemacht, seit 2012 existiert die Band in ihrer heutigen Form. An diesem Sonnabend, 13. Juli, treten Arsen um 21 Uhr als einer der beiden Headliner bei „Rock im Grünen“ auf der Biesdorfer Parkbühne auf, Berlins größtem Newcomer-Open-Air. arsen-band.de

Früher gab es für Publikum und Journalisten immer Schubladen wie Hardrock und Heavy Metal. Heute will dort niemand mehr hineingesteckt werden, weshalb es alle möglichen Genrebezeichnungen gibt. Arsen macht Power-Rock. Was ist das? Eine wilde Mischung aus Rock, Punk, Metal – energiegeladene, melodiöse Rockmusik. Wir haben eigentlich mal gesagt, dass wir eine Punk- oder Metalband sind, aber das hat uns nie genügt. Power-Rock bringt es auf den Punkt – aber klingt auch nicht ganz abstrakt.

Ihr probt im Orwohaus. Wie viel Marzahn steckt im Power-Rock von Arsen? Das ist eine gute Frage. Wenn ihr aus unserem Proberaum blicken, schauen wir immer auf die drei großen Hochhäuser am Springpfuhl. Je nachdem, wie die Stimmung an dem Tag ist, schlägt sich das auch auf die Songs nieder, die wir schreiben. Das ist schon was anderes, als wenn man gerade vom Strand kommt. Ich würde das aber nicht auf Marzahn beschränken. Eigentlich steckt Berlin in seiner Gänze in unserer Musik: alles ein bisschen bunt, ein bisschen durchgeknallt und dreckig. Aber wir finden es trotzdem immer schön.

Welche Bedeutung hat das Orwohaus für euch? Das ist für uns unheimlich wichtig. Die Logistik, der Kontakt zu anderen Musikern, die ganze Community. Das gibt immer wieder kreativen Input. Weil das Haus wirklich dem Verein gehört, gibt es auch nicht die Gefahr wie beim Rockhaus in Lichtenberg, dass es plötzlich geschlossen werden könnte. Freiräume für Musiker machen eine Stadt viel schöner.

Solch ein Freiraum ist auch „Rock im Grünen“. Was verbindet euch damit? Wir sind die erste Band, die schon mal als Newcomer bei „Rock im Grünen“ gespielt hat und jetzt Headliner ist. Das macht uns stolz. Um 2015 haben wir begonnen, Festivals zu spielen. „Rock im Grünen“ war eine der ersten wirklich großen Bühnen. Das haut einen richtig um: Sonst spielst du im Jugendklub vor ein paar Jungs, und auf einmal stehen da 1000 Leute. In dem Jahr haben wir auch die Toten Hosen getroffen. Das war beim Festival in Jamel, wo die Familie Lohmeyer den ganzen Nazis im Dorf widersteht. Wir waren sowieso bei dort, als die Hosen spontan am Samstag auftauchten. Und plötzlich trinkst du mit den Leuten ein Bier, wegen denen du irgendwann mal eine Gitarre in die Hand genommen hast.

Euer aktuelles Album ist auch durch die gesellschaftlichen Entwicklungen geprägt. Es heißt „Susma“, was von der türkischen Parole „Schweige nicht, sonst trifft es auch dich!“ stammt. Wie kam es dazu? Das steht für ein gewisses Freiheitsgefühl. Man darf sich, egal wie scheiße es läuft, nicht unterkriegen lassen. Unsere Sängerin Selly ist Deutsch-Türkin. Sie hat natürlich sehr beschäftigt, was sich in den vergangenen Jahren in der Türkei abgespielt hat. In Deutschland haben wir das Glück, dass wir in einem sehr freien Land leben. Aber wenn man sieht, wie einige von der AfD bis zur NPD mit dem Mord an Walter Lübcke umgehen, dann kann einem das schon Angst machen. Da darf man sich nicht verstecken. Wenigstens muss man wählen gehen.

Foto: Promo/Myriam Siegler

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de

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