Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.08.2019 von Ingo Salmen

Katja Oskamp, 49, ist Fußpflegerin in Marzahn und Schriftstellerin. Soeben hat sie einen Erzählband über ihre Arbeit veröffentlicht: „Marzahn, mon amour“, erschienen im Hanser-Literaturverlag.

Es ist das liebenswürdigste Buch, das je über Marzahn geschrieben wurde. Das mag daran liegen, dass der Bezirk und seine Menschen die Autorin selbst wieder aufgebaut haben. Sie hatte einen Durchhänger, es lief nicht beruflich, der Mann war krank, am Ende kam alles zusammen, was man gern „Midlife Crisis“ nennt, die „mittleren Jahre“. In diesem Moment vor vier Jahren entschied sich Oskamp, etwas ganz anderes zu machen: eine Umschulung zur Fußpflegerin. Den Blick der Schriftstellerin, die sich für den Menschen interessiert, hat sie deshalb nicht abgelegt. Das zeigt sich schon in den ersten Absätzen, als sie ihre kurze Ausbildung in Charlottenburg schildert.

Am anderen Ende der Stadt findet sie ihr Glück: In einem Fußpflegesalon an der Marzahner Promenade geht Oskamp fortan ihrer täglichen Arbeit nach. Sie tut Menschen Gutes, nichts Heroisches, aber alltäglich Gutes. Und trifft dabei auf Menschen, die Typen sind, allerdings von ihr nie klischeehaft beschrieben werden – sondern eher in ihrer praktischen Gelassenheit, mit der sie den Unbilden des Lebens trotzen, nein, ihnen weniger trotzen, als sie vielmehr hinnehmen. Erst bei Frau Oskamp öffnen sie sich, fällt die Last ab, wenn sie sich kurz erholen dürfen. Ein bisschen auch verwöhnen lassen dürfen, was bei ihnen sonst kaum vorkommt. Da ist Frau Guse, die sich schon auf ihren Kasslerbraten freut, den sie natürlich mit der Brotschneidemaschine zerteilt. „Dit hamse aba wieda schön jemacht“, bedankt sie sich. Da ist Herr Paulke, Marzahner Ureinwohner, Erstbezug 1983, der seine Krebserkrankung geduldig erträgt. Da sind die Russin und der SED-Funktionär und Frau Frenzel. „Frau Frenzel ist 70 Jahre alt, schaut mit einer heiteren Verachtung auf die Welt und lässt sich von nichts und niemandem die Laune verderben.“

Was Oskamp über sich und ihre Umschülerinnen schreibt, gilt nicht minder für die Menschen, denen sie in Marzahn begegnet ist – und vielleicht den Bezirk und sein Befinden, wie es sich seit der Wende entwickelte, im Ganzen. „Keine von uns war auf direktem Wege hier gelandet, jede zuvor irgendwo abgeprallt, steckengeblieben, nicht weitergekommen“, erzählt sie. „Wir wussten, wie Scheitern sich anfühlt. Wir waren demütig und bescheiden und kleinlaut geworden, bereit, unsere Vorgeschichten zu vergessen, unsere Leistungen auszuradieren und uns wie unbeschriebene Blätter zu verhalten. Wir waren ganz unten bei den Füßen angelangt, an denen wir nichtsdestotrotz, scheiterten.“ Am Ende haben sie ganz schön weit getragen. – Text: Ingo Salmen, Foto: Paula Winkler

  • Die Buchpremiere findet am Montag, 19. August, um 19.30 Uhr in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg statt. Eine Lesung in Marzahn soll es aber auch noch geben.
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    Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf entnommen. Den – kompletten – Bezirksnewsletter, den wir Ihnen einmal pro Woche schicken, gibt es unkompliziert und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de.
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