Nachbarschaft

Veröffentlicht am 08.10.2019 von Ingo Salmen

Michael Masur, 69, Klavier- und Cembalobauermeister mit Werkstatt in Kaulsdorf, Klavierstimmer an der Staatsoper Unter den Linden, Sohn eines berühmten Vaters. masur-klavier.de

Es waren die Mutigen in Plauen. Die Sehnsüchtigen in Dresden. Die Drängelnden in Berlin. Erst wenige, dann Hunderte und Tausende, bald Zehntausende. Ein Chor ohne Taktgeber, der dennoch geschlossen zum Crescendo anschwoll, stimmte im Herbst 1989 den Abgesang auf den Sozialismus im Osten Deutschlands an: „Wir sind das Volk!“ Nur einmal griff in diesen Wochen ein Dirigent ins Geschehen ein. Es war am 9. Oktober in Leipzig, als einer der wenigen Weltstars der DDR sich zu Wort meldete: Gewandhauskapellmeister Kurt Masur wandte sich über Dutzende Lautsprecheranlagen im Stadtgebiet, den Leipziger Stadtfunk, an die Bevölkerung auf beiden Seiten des Konflikts. „Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung“, sagte er im später berühmt gewordenen Aufruf der „Leipziger Sechs“ zur Montagsdemonstration. „Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.“ 40 beruhigende Sekunden die sonore Stimme des Maestros.

„Er hatte Angst, dass das eskaliert.“ Das sagt Michael Masur, sein ältester Sohn. Er sitzt auf einer Eckbank in einem schmucklosen Flachbau in Kaulsdorf mit der Aufschrift „Büro“. Hinter dem Schreibtisch hütet seine Frau Evelyn das Telefon. Bescheidene Leute, die sich nichts auf ihren Namen einbilden. Doch es war der Name, der am Mittwoch vor 30 Jahren einen Brückenschlag in zerrissenen Zeiten ermöglichte. Kurt Masur sollte am Abend im Gewandhaus „Till Eugenspiegels lustige Streiche“ dirigieren, wollte sich aber nicht einfach in den Konzertsaal zurückziehen, während es draußen zur Konfrontation kommt. Deshalb habe sein Vater „aufgrund seiner Verbindungen“ am Nachmittag fünf andere Leipziger nach Hause eingeladen: den Kabarettisten Bernd-Lutz Lange, den Theologen Peter Zimmermann und drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung.

Von einer „chinesischen Lösung“ war vor diesem Tag immer wieder die Rede, einem brutalen Eingreifen der Armee wie im Sommer in Peking. Erst am 4. Oktober, als die Züge mit den Flüchtlingen der Prager Botschaft durch Dresden rollten, hatte die Staatsmacht Demonstranten niedergeknüppelt, genauso drei Tage später am „Republikgeburtstag“ in der Hauptstadt. Für die Montagsdemonstration in Leipzig standen Tausende Polizisten, Soldaten und Mitglieder von Betriebskampfgruppen bereit. Blutkonserven waren geordert, der Bereitschaftsdienst in Krankenhäusern verstärkt worden.

Dass es friedlich blieb, hatte mehrere Gründe: Die schiere Menge von 70.000 Frauen und Männern, die auf die Straße gingen, beeindruckte Machthaber und Militär, die letztlich Skrupel bekamen und zurückwichen; das Neue Forum verteilte einen Appell, in dem es Gewaltlosigkeit anmahnte; das eigentümliche Sextett um Masur brachte seine Autorität ein. „Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt“, sagte Masur. „Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung.“ Ihnen war nicht an der Wiedervereinigung gelegen, sondern am „freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land“. Es flogen keine Steine, es fielen keine Schüsse. Dass alle gefasst blieben, konnte Michael Masur kaum glauben: „Da muss ja nur einer dabei sein, der beweisen will, was für ein toller Kerl er ist.“

Wie ein Retter sei sein Vater anschließend gefeiert worden, erzählt Michael Masur. Das große Wort liegt ihm nicht. „Er hat mit diesem Aufruf einen Teppich ausgelegt, auf dem beide Seiten sich bewegen konnten“, sagt der Sohn. Als geachteter Künstler konnte Kurt Masur diese Mittlerrolle einnehmen. Schon seit den 70er-Jahren organisierte er immer wieder Tourneen im Ausland, die der DDR zugleich Devisen eintrugen. Das ging nicht, ohne sich mit dem Regime zu arrangieren. „Wenn Vati überzeugt gewesen wäre von der Richtigkeit der Politik, dann wäre er auch in die Partei eingetreten – ist er aber nie.“ Nach dem Mauerfall war Kurt Masur sogar als DDR-Staatspräsident oder Bundespräsident im Gespräch. Das war ihm zu riskant. „Die Politik ist eine Art Hure, wo man genutzt wird, solange man gebraucht wird“, sagte er dem Sohn in Berlin am Telefon.

Ob in Leipzig oder später in New York: Seine Heimat bildeten die Orchester, die er leitete, und die Stadt, in der sie ansässig waren. „Er hat das ganze Ensemble wie eine große Familie betrachtet und sich um die Sorgen seiner Musiker gekümmert – von der fehlenden Wohnung bis zum kaputten Auto.“ Michael Masur sagt das voller Anerkennung, der 69-Jährige spricht bis heute stets liebevoll von seinem „Vati“. Er ist das erste von fünf Kindern, sackte in der Schule ab, als er in die Pubertät kam und sein Vater Mutter Brigitte für eine andere Frau verließ.

„Vati stand an den wichtigen Eckpunkten meines Lebens da und sagte: So, Junge, was machen wir denn jetzt?“, erinnert sich Michael Masur. Er entschied sich für eine Klavierbauerlehre, heuerte bei der Staatsoper Unter den Linden an und übernahm schließlich die Leitung der Klavierwerkstatt in der Husemannstraße in Prenzlauer Berg. 1975 kaufte er ein bedauernswertes Häuschen in Kaulsdorf, baute es wieder auf, seine heutige Frau wohnte nebenan. Nach dem Ende der DDR sahen sie sich auch persönlich vor dem Umbruch. „Die Staatsoper hatte 1800 Mitarbeiter“, erinnert sich Michael Masur. „Für mich war es eine Frage der Zeit, bis die Werkstatt abgewickelt wird.“ Die Masurs übernahmen den Laden, führten ihn weiter, zogen 2003 mit ihm nach Kaulsdorf um. Bis heute stimmt Michael Masur die Instrumente in der Staatsoper.

Von der Politik hat er sich immer ferngehalten, war nie bei den Pionieren oder der FDJ, ließ die Jugendweihe für die Konfirmation aus und ging auch dann nicht wählen, als die Parteibonzen ihn vor die Tür klingeln wollten. Erst nach der friedlichen Demonstration von Leipzig nahm auch Michael Masur an den öffentlichen Protesten teil: am 4. November bei der Massenkundgebung auf dem Alexanderplatz und am 15. Januar beim Zug zur Stasi-Zentrale in der Normannenstraße. „Da habe ich meiner Frau gesagt: Bleib du mit den beiden Jungs zu Hause, man weiß nicht, wie sich das entwickelt.“

Dass der Sohn des berühmten Dirigenten zu diesem Zeitpunkt noch in der Hauptstadt der DDR lebte, war nicht selbstverständlich. Ende 1988 erreichte ihn über den Vater eine Einladung zu einem Praktikum im Steinway-Haus in der Hardenbergstraße, ein halbes Jahr lang bekam er ein Visum. „Ich konnte es am Anfang gar nicht so richtig glauben“, erzählt Masur. „Ich bin am Bahnhof Zoo ausgestiegen, habe mich erst mal umgeguckt und gedacht: Kann doch nicht sein, dass die mich jetzt allein hier nach West-Berlin lassen – aber da war keiner.“ In der Werkstatt lernte er ein paar Kniffe für Flügel, wie sie auch die Staatsoper besaß. Es nahten der Juni und die Frage: „Soll ich am letzten Tag einfach drüben bleiben?“

Gemeinsam suchten die Masurs eine Kundin auf und baten sie um Rat. Ihr Mann, Bratschist an der Staatsoper, war nach einem Konzert im Westen nicht zurückgekehrt. Die Familie wurde fortan überwacht und schikaniert, die Tochter flog von der Musikhochschule. Michael Masur wollte das seiner Frau und den Söhnen nicht antun. Er wollte ihr Vati sein.

Foto: Ingo Salmen

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