Nachbarschaft

Veröffentlicht am 05.11.2019 von Ingo Salmen

Inka Bause war einst vor allem Schlagersängerin und ist jetzt vor allem Fernsehmoderatorin („Bauer sucht Frau“). Sie ist, seit ihre Familie 1975 herzog, in Biesdorf aufgewachsen und Tochter eines der erfolgreichsten Komponisten der DDR: Arndt Bause, nach dem der große Saal des Freizeitforums Marzahn benannt ist, in dem auch die Bezirksverordnetenversammlung tagt. Mein Kollege Joachim Huber, der unser Medienressort leitet, hat sie für unsere Sonderausgabe zum Mauerfall-Jubiläum interviewt. Hier schon einmal einige von vielen interessanten Äußerungen.

Ob sie Träume oder Albträume hatte, als die Mauer fiel, wollte Kollege Huber von Bause wissen. „Ich wusste erst einmal nicht, was passieren wird. War der Mauerfall nur ein Fake, würde aus der Maueröffnung gleich wieder eine Mauerschließung? Würden die Russen kommen?“, erzählte die 50-Jährige. Doch Sofahocken war nicht. „Ich habe mir 30 Pfennig aus der Geldbörse meines Vaters geklaut und bin sofort mit meinem Freund rüber.“ Dort besuchten sie den Bruder ihres Freundes, der ein paar Monate vorher abgeschoben worden war. „Als ich beim Rotwein irgendwo im Wedding saß, war meine größte Angst, ob mich die ‚Organe‘, vor denen uns eine riesige Autorität eingebläut worden war, auch tatsächlich wieder zurücklassen – in meine Heimat, in mein Zuhause, in meine Geborgenheit.“

Mit ihren Biesdorfer Jahren verbindet Bause vor allem gute Erinnerungen. „Die DDR war für mich eine sehr schöne, privilegierte Kindheit“, berichtete sie im Tagesspiegel-Gespräch. „Dazu stehe ich auch, weil mein Vater als hochbegabter und hocherfolgreicher Komponist natürlich sein Ein- und Auskommen hatte. Und die DDR war für mich Ausbildung auf höchstem Niveau – jeder hatte Zugang zu Kunst und Bildung.“ Erst im Nachhinein habe sie von vielen Repressalien erfahren, denen andere ausgesetzt waren. „Ich habe mich mit Blick auf die Macht und ihren Missbrauch in der DDR in ihrem ganzen Ausmaß geirrt.“

In der Wendezeit mischten sich Freiheit und Verunsicherung. „In meiner Familie haben wir zwei Generationen Wende durchlebt. Mein Vater Arndt um die 50 gehörte zu der Generation, die eigentlich nicht mehr von vorne anfangen konnte. Mir stand mit Anfang 20 die Welt offen“, erzählte Bause. „Für mich hat das Wochen, Monate, ja Jahre gedauert, bis ich zur Ruhe gekommen bin.“ Erst in den Jahren 1993 und 1994 spürte Bause die Ernüchterung. „Die Ostler wollten mich nicht mehr hören, die Westler hatten ihre eigenen Künstler.“

Nun ist Bause dank des Fernsehens längst gesamtdeutsch ein Name, auch wenn man sie als Sängerin vor allem im Osten kennt. Allerdings findet sie noch immer viele gegenseitige Vorurteile in allen Teilen des Landes. „Hört Euch diese Lebensläufe an, von West nach Ost, von Ost nach West!“, fordert sie. „Das passiert immer noch zu wenig.“ Insgesamt fehlt ihr eine „Wertschätzung des Ostdeutschen“ – wobei die nach Bauses Auffassung gewiss nicht durch Wählen der AfD kommen wird. Zugleich sagte sie im Interview: „Die Linke, diese Macht nach der Wende, hat es beispielsweise nicht verstanden, bei den Menschen zu bleiben.“ Es gehe nicht um „Geschenke“, sondern um „Respekt“.

Bause beklagt auch eine „Diktatur des Geldes“ und Grenzen der Meinungsfreiheit: „Meinen Sie, ich könnte bei RTL sagen, was ich wollte?“ Das konnte sie indes beim Kollegen Huber. Ihr Fazit fällt daher insgesamt positiv aus: „Immer noch habe ich das Gefühl, das machen zu können, was ich will. Unglaubliche Freiheit im Handeln und Tun.“ –Text: Ingo Salmen

Foto: Christoph Soeder/dpa

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