Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.11.2019 von Ingo Salmen

Besuch aus Hollywood, allerdings in Florida, nicht Kalifornien, hatte jetzt der Mahlsdorfer Henrik Arnold. Zu seinem 50. Geburtstag im Jahr 2018 hatte er einen Stolperstein in seiner Nachbarschaft gestiftet: für den Mahlsdorfer Alexander Scheucher, der mit 49 Jahren in Auschwitz ermordet wurde.

Zur Verlegung des Stolpersteins im September 2018 hatten wir die von Arnold recherchierte Biografie Scheuchers skizziert. Die Enkelin des Mahlsdorfer Kaufmanns konnte allerdings an der Zeremonie nicht teilnehmen. Den Besuch holte sie jetzt nach: Im Rahmen einer Leserreise der „New York Times“ kam Rita Hoffman kürzlich mit Ehemann Herb nach Berlin. Einen Tag lang nahm sich Henrik Arnold Zeit, um die beiden zu Orten in Berlin zu führen, die Stationen im Leben des Großvaters waren.

„Sehr speziell“ sei die Begegnung mit den Fremden gewesen, erzählt Arnold. „Es war von Anfang an eine Vertrautheit, eine gegenseitige Achtung.“ Schon oft hatten sie per Mail korrespondiert, Arnold kannte sich durch seine Recherchen in der Familiengeschichte der Hoffmans aus. Dabei hatte er nur jemanden für den Stolperstein gesucht, der bei seinem Tod in etwa in Arnolds Alter war. Dieser Stein ist nun vor der Hönower Straße 213 in den Gehweg eingelassen. Dort wohnten Alexander und Agnes Scheucher mit Sohn Ludwig spätestens seit 1926. Wo sich einst in Friedrichshain die Blumenstraße 1 befand, heute die Ecke von Alexanderstraße und Magazinstraße, betrieben die Scheuchers ein Geschäft für Weißwaren und Trikotagen. 1933 mussten sie es aufgeben und in ihr Haus in Mahlsdorf verlegen. Das mussten sie schließlich unter dem Druck der Nazis im Jahr 1940 zwangsverkaufen.

Doch es gab Hilfe aus der Nachbarschaft. Rita Hoffman brachte Schwarz-Weiß-Fotos mit, die ihr Vater in den 70ern aus der DDR bekommen hatte: Sie zeigen zum Beispiel den Rosenhag und den Jacques-Offenbach-Platz. Es war die Dreingabe zu wichtigen Papieren, die Nachbarn der Scheuchers einst im Garten verbuddelt hatten, um sie erst vor dem Regime und dann vor dem Krieg zu schützen. Selbst hatten die Scheuchers noch einen Teil ihrer Habseligkeiten in der Janitzkystraße 52 in Köpenick eingelagert, das ihnen ebenfalls gehört hatte, wie Arnold berichtet. Dort machte die deutsch-amerikanische Reisegruppe jetzt ebenfalls Station, genauso wie vor der Marienburger Straße 7 in Prenzlauer Berg, wo die Scheuchers einst bei den Schwiegereltern Unterschlupf gefunden hatten. Im Januar 1942 wurden die Eheleute Scheucher ins Rigaer Ghetto deportiert. Alexander Scheucher landete in Auschwitz, wo er am 5. November 1943 ermordet wurde. Agnes Scheucher hatte Glück. Sie kam über Schweden in die Freiheit und emigrierte in die Vereinigten Staaten.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Womöglich sehen sich Arnold und die Hoffmans schon im April in Frankreich wieder. Dann wird in Brive-la-Gaillarde, einer kleinen Stadt zwischen Toulouse und Limoges, eine Gedenktafel für sechs jüdische Kinder enthüllt, die einst dort Zuflucht fanden. Es war eine trügerische Sicherheit, denn das Vichy-Regime verfrachtete sie bald ins KZ. Nur einer von ihnen überlebte: Ludwig Scheucher, den die Eltern als Zwölfjährigen 1938 mit einem Kindertransport auf ein Jagdschloss der Rothschilds geschickt hatten. „Er ist ja auch ein Mahlsdorfer“, sagt Arnold. Nach der Befreiung in Buchenwald siedelte er in die USA über – wo er auch seine Mutter wiedersah – und gab sich den Namen Louis Scott. Rita Hoffman ist seine Tochter.

Mehrere Schulen in Brive haben sich dieser Tage zusammengetan und eine Adaption der Kinderoper „Brundibár“ von Hans Krása einstudiert, die dieser einst im KZ Theresienstadt inszenierte, um den Kindern dort die Tage zu erleichtern. In der Variante der französischen Schulen stehen drei Kinder aus dem Ort im Mittelpunkt, erzählt Arnold. Die Hauptrolle sei dem Schicksal von Ludwig Scheucher nachempfunden.

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