Nachbarschaft

Veröffentlicht am 19.11.2019 von Ingo Salmen

Charlotte Riepe (links) und Stefanie Albig gehören zum siebenköpfigen Team des Projekts Housing First für Frauen des Sozialdienstes katholischer Frauen (skf) Berlin. Es hilft wohnungslosen Frauen dabei, eine eigene Bleibe zu finden, und begleitet sie auch darüber hinaus. Während Albig sich als aufsuchende Sozialarbeiterin auch um Frauen in Marzahn-Hellersdorf kümmert, organisiert Riepe die Wohnungssuche. Mit ihr sprachen wir über das Projekt.

Frau Riepe, was ist das Besondere an Housing First für Frauen? Es handelt sich um einen Paradigmenwechsel in der Wohnungslosenhilfe. Normalerweise ist das Hilfesystem in Stufen aufgebaut. Nirgendwo sonst bekommt man bedingungslos eine Wohnung, dafür gibt es immer Auflagen wie eine Therapie bei Süchtigen. Bei uns ist es andersherum: Jede Frau – egal, was sie mit sich bringt – kann zu uns kommen und bekommt erst mal eine Wohnung. Jedenfalls sofern wir über Wohnungen verfügen. Auch hier kann es zu Wartezeiten kommen, idealerweise zwischen zwei Wochen und zwei Monaten. Das muss nicht der einzig sinnvolle Weg sein. Doch die Erfolgsquote ist sehr hoch, dass das eigenständige Leben sich besser entwickeln kann, wenn jemand sein eigenes Dach über dem Kopf hat.

Wie ist das Projekt entstanden? Die Idee kommt aus den USA, wo sie für psychisch Kranke entwickelt wurde. Dort gab es die Erkenntnis, dass jemand sich gar nicht entfalten kann, wenn er immer nur mit der Frage beschäftigt ist, wo er morgen übernachten kann. Unser Projekt gibt es seit Oktober 2018 und wird finanziert von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Wir befinden uns zunächst in einer dreijährigen Pilotphase. Berlinweit hatten wir bereits 175 Anfragen von Frauen, die an unserem Projekt teilnehmen wollen, ein sehr hoher Anteil Frauen mit Kindern. Doch in der Pilotphase ist es uns bisher noch nicht möglich, Frauen mit Kindern aufzunehmen. 43 Frauen haben wir inzwischen in das Projekt aufgenommen, 23 konnten wir eine Wohnung vermitteln, neun davon in Marzahn-Hellersdorf.

An wen richtet sich Ihr Projekt? An Frauen, die momentan wohnungslos sind, also tatsächlich auf der Straße leben oder in einer Notunterkunft, und aufgrund von multiplen Problemen nicht in der Lage sind, eine eigene Wohnung zu finden. Das kann zum Beispiel an Verschuldung liegen, an psychischen Problemen oder Süchten. Sie müssen in der Lage sein, ihre Miete zu zahlen, auch durch Transferleistungen, und dürfen noch nicht im Hilfesystem angekommen sein. Außerdem sollen sich die Frauen bereiterklären, anonym an der Evaluation des Projekts durch Susanne Gerull von der Alice-Salomon-Hochschule teilzunehmen. Im Durchschnitt sind die Frauen, die wir betreuen, Mitte 40, doch letztlich sprechen wir über alle Altersgruppen zwischen 23 und 76 Jahren.

Welche spezifischen Probleme gibt es bei Frauen? Die obdachlosen Menschen, die man auf der Straße sieht, sind vorwiegend Männer. Tatsächlich liegt der Anteil von Frauen bei 27 bis 30 Prozent. Man sieht sie nur nicht. Wir haben gerade bei Frauen oft eine verdeckte Wohnungslosigkeit. Sie kommen bei Freunden unter, aber haben kein festes Zuhause, sind anderswo gemeldet und kommen an ihre Post nicht heran – was aber notwendig ist, um Transferleistungen beziehen zu können. Damit ist oft auch ein hohes Schamgefühl verbunden. Als Wohnungslose bekommt man zum Beispiel eine Markierung im Ausweis – das ist dann wieder eine Hürde bei der Arbeitssuche.

Wie kommen Sie an die Wohnungen heran? Das ist natürlich nicht leicht. Die Frauen werden alle dezentral untergebracht, es soll nicht das eine Housing-First-Haus geben. Wir müssen uns auf dem ganz gewöhnlichen Wohnungsmarkt auf die Suche begeben, bemühen uns aber auch um Kooperationspartner. In Hellersdorf arbeiten wir viel mit der Deutsche Wohnen zusammen. Bei städtischen Gesellschaften ist das noch nicht so erfolgreich.

Wie begleiten Sie die Frauen konkret? Beim Erstgespräch klären wir zunächst mal, was die Frau braucht, ob auch noch eine psychosoziale Beratung in Frage kommt. Dann begleiten wir die Frauen zu Besichtigung und zur Vertragsunterzeichnung, organisieren mit ihnen auch die Kostenübernahme. Nach Einzug besteht der Kontakt weiterhin. Wir stehen dann nach Bedarf der Frau zur Unterstützung bei sämtlichen Dingen zur Verfügung: Zum gegenseitigen Austausch haben wir ein Café, wir besuchen die Frauen auf Wunsch, begleiten sie zu Ämtern. Das reicht bis zur Lebensbegleitung durch eine Bezugssozialarbeiterin. Das ist der Vorteil der eigenen Wohnung: erst mal stabilisieren, zur Ruhe kommen, darum geht’s. Alles Weitere kann man dann sehen.

Die Kontaktdaten: Sitz des Projektes ist die Müllerstraße 126 in Wedding, die Beratung dort ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Es ist telefonisch unter 030/477532626 beziehungsweise mobil unter 0151/14866421 zu erreichen, außerdem per Mail oder über die Website. Neben dem skf gibt es ein weiteres Housing-First-Projekt für Frauen und Männer von den Trägern Berliner Stadtmission und Neue Chance. – Text: Ingo Salmen
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