Nachbarschaft
Veröffentlicht am 17.12.2019 von Ingo Salmen
Dies ist eine Weihnachtsgeschichte. „Wir sind weder reich noch arm, aber wir haben ein Stück vom Kuchen abzugeben“, sagte sich die Mahlsdorferin Anja Kleppek vor einem Jahr. Am Heiligen Abend würde neben ihrem Mann und ihren Kindern noch genug Platz am Tisch für zwei Nachbar*innen sein, die sonst das Fest allein verbringen, meinte sie und stellte eine Einladung ins Netzwerk nebenan.de. So kam sie mit einer älteren Frau in Kontakt, die von Grundsicherung lebte und ein Handicap hatte. Sie würde gern kommen, erzählte die Dame, aber sie traute nicht. Zum Weihnachtsfest 2018 kamen schließlich zwei andere Nachbar*innen zu Besuch (wie der verlief, steht auf der Seite „Wir Weihnachten“, einer Aktion von RBB und nebenan.de, die auch in diesem Jahr Menschen am Fest zusammenbringen soll).
Vor einigen Tagen musste Kleppek wieder an die ältere Frau denken und sprach sie an: „Sollen wir es noch mal probieren?“ Sie telefonierten länger miteinander, und da erzählte die Dame von einem Malheur, das ihr gerade widerfahren war. Ihre Waschmaschine hatte den Geist aufgegeben, eine neue musste her – doch wie bezahlen? Bei den Kleinanzeigen von Ebay fand sie ein gutes Angebot: ein gebrauchtes Gerät für 99 Euro, mit Anschluss und Mitnahme des alten, dazu ein Jahr Garantie. Das Geld lieh sie sich von einer Nachbarin aus ihrem Haus, die sie schon lange kennt. Der Verkäufer brachte die Maschine auch, doch sobald er das Geld bekommen hatte, verschwand er auch wieder. Das Altgerät ließ er unten im Haus stehen, das neue stellte er nur in der Wohnung ab, statt es anzuschließen. Als das geschafft war, war der Frau dennoch nicht geholfen: Ein paar Umdrehungen machte die Trommel, aber nichtmal für einen Waschgang reichte es. Da war die Anzeige bei Ebay längst verschwunden, genauso wie der Account des Verkäufers.
Anja Kleppek ließ das keine Ruhe. Sie konnte ihrer Nachbarin keinen Ersatz kaufen. Aber sie konnte die Nachbarschaft dafür gewinnen. Bei einem Händler fand sie ein neues Gerät für knapp unter 300 Euro. Am vergangenen Donnerstag, morgens um zehn, stellte sie einen Spendenaufruf in das Portal Betterplace ein und verbreitete ihn über nebenan.de sowie unter ihren Freund*innen bei Facebook. Nachmittags um zwei hatte sie bereits mehr als 300 Euro eingesammelt, das reichte auch noch um die Gebühren des Spendenportals zu bezahlen. 21 Spender*innen beteiligten sich – von fünf Euro bis 100 Euro. Schon am Sonnabend machte sie sich mit Mike, einem anderen Mitglied des Nachbarschaftsnetzwerkes, auf den Weg nach Lichterfelde, um die Maschine abzuholen. Damit konnten sie sich auch noch die Kosten für Lieferung und Montage sparen.
Völlig baff sei ihre Nachbarin gewesen, als sie von der Aktion erfuhr – und wenig später auch ihr neues Gerät im Badezimmer stehen hatte. „Sie hat gleich vier Maschinen gewaschen“, erzählt ihre Helferin. Und neuen Mut gefasst hat sie auch. „Sie kommt Heiligabend zu uns“, berichtet Kleppek. Die 45-Jährige freut sich selbst über den großen Gemeinsinn, den sie erleben durfte. „Eigentlich würde ich sowas den ganzen Tag machen wollen.“ Und sie würde sich wünschen, wenn andere die Idee aufgreifen und auf ähnliche Weise in ihrer Nachbarschaft helfen – bedürftig sind viele. Die Spendenseite für die „Wunder-Weihnachts-Waschmaschine“ hat Kleppek übrigens noch online gelassen. Ob sich noch genügend Spender*innen finden, um die 100 Euro zusammenzubekommen, die die ältere Dame sich im Hause geborgt hat und demnächst zurückzahlen muss? Hier können Sie weiterhin spenden! – Text: Ingo Salmen
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