Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.01.2020 von Ingo Salmen

Hektisch geht es manchmal zu am Bahnhof Wuhletal. Da hasten Pendler zum Bahnsteig, um noch die S5 oder U5 zu bekommen oder wechseln gleich zwischen beiden Zügen, eilen zu den Bussen der Linien 191 und 291 oder schwingen sich aufs Rad, um die letzte Etappe des Heimwegs anzutreten.

Wie ein Ruhepol mittendrin wirkt dagegen der kleine Flachbau am Ausgang zur Altentreptower Straße: das Wuhlecafé. Klar, der Name klingt etwas größer, als es tatsächlich ist. Doch von der Bockwurst bis zum Schokoriegel, vom Donut bis zum Brötchen gibt es hier die Kleinigkeiten, die den Alltag etwas erträglicher machen, wie das bei solchen Büdchen so ist. Was dieses hier besonders macht, ist der Betreiber: Mit persischer Gastfreundschaft empfängt Mahdi Mehrpouya die Kund*innen, wenn sie zur Tür hereinkommen.

Vor fast zwei Jahrzehnten kam er aus dem Iran nach Deutschland. 2003 zog er in den Bezirk Marzahn-Hellersdorf. „Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagt er. „Ich bin hier zu Hause.“ Seit 2014 betreibt Mehrpouya das Wuhlecafé. Montags bis freitags von 5.30 bis 17 Uhr hat er geöffnet, im Sommer auch noch sonntags für Ausflügler auf dem Wuhlewanderweg. Allein ist das nicht zu schaffen, er teilt sich die Arbeit mit seiner Frau Asal Mehrpouya. Das Paar legt sich ins Zeug für seine beiden Töchter, die das Otto-Nagel-Gymnasium besuchen. Anfangs gehörte auch noch ein kleiner Fahrradverleih zum Laden. Doch den haben sie nach einem Jahr abgeschafft, „weil die Räder ständig geklaut wurden“. Der Bahnhof Wuhletal sei ein Brennpunkt für Fahrradddiebe, sagt Mehrpouya.

Es sind weniger die hastigen Pendler, die im Wuhlecafé vorbeischauen, sondern eher die Leute aus dem näheren Umfeld. „Wir haben vom Arzt bis zum psychisch Kranken alle“, erzählt Mehrpoya. Das Psychosoziale Zentrum Wuhletal ist nicht weit, auch das Unfallkrankenhaus. Und die Gemeinschaftsunterkunft am Brebacher Weg. „Die können oft kein Deutsch“, sagt der Ladenbetreiber. „Dann müssen wir rausfinden, was sie wollen.“ Für Mehrpouya nicht weiter schwierig: Er spricht auch Aserbaidschanisch, Persisch, Englisch und Türkisch. Als die deutsch-russische Lomonossow-Schule einen Altbau neben der Klinik bezog, stellte er ein Süßigkeiten-Regal auf.

„Wir kennen die Kunden meistens persönlich“, sagt Mehrpouya. Einige bleiben einen Moment, erzählen von ihren Problemen. „Wie beim Friseur, nur fast jeden Tag“, findet der 41-Jährige. „Und wenn die einen Tag fehlen, machen wir uns Sorgen.“ Einige schauen sogar nur kurz vorbei, um sich zu unterhalten. „Wir haben auch viele ältere Leute, die hier einkaufen – aber die bedient meistens meine Frau, die kann besser zuhören.“ Da geht es um die kleinen Zipperlein und größeren Beschwerden, um die Belastungen bei der Arbeit oder die Ärgernisse des Alltags. „Helfen können wir nicht, aber wir hören zu.“

Manchmal öffnet sich Mehrpouya auch selbst. Dann erzählt er von zu Hause und dem Ärger, den er mit den Mieter*innen in der Wohnung oben drüber hat. Mit dem unaufhörlichen Lärm, den Boshaftigkeiten, Bedrohungen und sogar vereinzelten Übergriffen im eigenen Haus und der Verwaltung, die sich lange Zeit nicht geregt hat. Es ist ein Streit, der Mehrpouya so zu Herzen geht, dass er auf die Frage nach seinen Wünschen für 2020 erst mal nur sagt: „Ich wünsche mir eine neue Wohnung, um einfach Ruhe zu haben.“ Inzwischen gab es sogar gegenseitige Anzeigen, die Hausverwaltung habe ihm außerdem versprochen, auf die anderen Mieter einzuwirken. Die ersten Tage des neuen Jahres waren deshalb überraschend leise.

Der Lärm kam diesmal aus der Ferne: Im Nahen Osten hat der Konflikt zwischen den USA und dem Iran eine neue Stufe erreicht, die Welt sorgt sich vor einem offenen Krieg. Mehrpouya denkt in diesen Tagen an seinen Vater und seine Mutter und andere Angehörige in der alten Heimat. „Ich hoffe, dass Frieden kommt“, sagt er. – Text: Ingo Salmen

Foto: Ingo Salmen

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