Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.01.2020 von Ingo Salmen

Wie schlägt man Wurzeln an einem neuen Ort? Vielleicht doch so, indem man sich in ihn hinein gräbt und nach und nach zu den tieferen Schichten vordringt.

Manja Finnberg sucht nach diesen Schichten, seit sie 2016 mit Mann und Kindern nach Kaulsdorf gezogen ist. Sie kann nicht anders, sie ist Historikerin. Dabei ist sie auf die spannende Geschichte der Märkischen Wachsschmelze in Alt-Kaulsdorf 14-16 gestoßen. Jahrzehntelang wurden hier Putzmittel wie Bohnerwachs oder Möbelpolitur produziert. Heute beherbergen die Gebäude ein Autohaus, ein Möbelhaus und ein Sportstudio. Letzteres will Finnberg zum 75. Jahrestag des Kriegsendes zu einem temporären Gedenkort machen, an dem die weitgehend vergessene Geschichte der Wachsschmelze erzählt wird. Sie kreist um ihren früheren jüdischen Inhaber Otto Rechnitz und seine Nachfolgerin Frieda Hirsekorn.

Beide Biografien sind so facettenreich wie ihre Verbindung. 1933 wurde der jüdische Unternehmer Rechnitz aus seinem Betrieb gedrängt, danach ein Jahrzehnt verfolgt und gequält. Er erlebte noch das Kriegsende, starb aber im Dezember 1945 in einem Berliner Sammellager. „Ich war überrascht, dass ein jüdischer Unternehmer schon so früh seine Firma verliert“, erzählt Finnberg. „Das ist der Punkt der mein Interesse geweckt hat.“ Nazis, die im Betrieb beschäftigt waren, haben Rechnitz offenbar bekämpft, auch Morddrohungen erhielt er. Gleichzeitig hatte der alternde Unternehmer, Jahrgang 1867, seine wesentlich jüngere Prokuristin Hirsekorn als Nachfolgerin ausgewählt. Per Ratenzahlungen vereinbarten sie einen Verkauf.

Doch die Nazis schikanierten auch die Frau an der Spitze, wie Finnberg berichtet. Alles sei nur vorgeschoben, hieß es, ein „Bürofräulein“ wie sie, geboren 1898, hätte nie die Mittel für eine Firmenübernahme. Hinzu kam, dass auch Behörden zu den Kunden der Wachsschmelze zählten und das Arbeitsamt und die Polizei Räume im Vorderhaus gemietet hatten. Der perfide Vorwurf: Es könne doch nicht sein, dass ein Jude durch eine „Strohfrau“ wie Hirsekorn weiter am Staat verdiene. Auch der tüchtigen Nachfolgerin wurde das Unternehmen praktisch genommen: Hirsekorn wurde zur Fabrikleiterin degradiert, die Nazis setzen ihr Geschäftsführer vor die Nase, die den Laden jedoch herunterwirtschaften, bis er 1937 zwangsversteigert wurde – und Hirsekorn erneut den Zuschlag erhielt.

Hirsekorn war eine schillernde Persönlichkeit. Im April 1933 trat sie in die NSDAP ein, aber wohl nicht aus Überzeugung, denn sie war eine gläubige Frau und unterhielt enge Beziehungen zum Kaulsdorfer Pfarrer Heinrich Grüber, der später mit dem „Büro Grüber“ in Lichterfelde mehr als tausend jüdischen Christen zur Ausreise verhalf. Im Krieg brachte das Regime polnische und sowjetische Zwangsarbeiterinnen in der Fabrik unter, die meisten arbeiteten in umliegenden Betrieben, zwei oder drei auch in der Wachsschmelze. Nach dem Krieg organisierte Hirsekorn mit Grüber eine Suppenküche, um die Not der Menschen zu lindern – und wehrte sich später erfolgreich gegen Versuche der Verstaatlichung durch das DDR-Regime, bis sie 1970 starb. Als letzter Kaulsdorferin wurde ihr die Ehre zuteil, öffentlich in der Kirche aufgebahrt zu werden.

Einen großen Teil Geschichte hat bereits die Kaulsdorfer Ortschronistin Karin Satke erforscht. Sie gewährte Finnberg Einblicke in ihr Archiv und unterstützt deren Projekt. Die 41-Jährige will in den nächsten Monaten noch die verbliebenen Lücken schließen. Dafür will sie sich zum Beispiel mit Rechnitz‘ Tochter treffen, die mit 96 Jahren noch in Berlin lebt. Auch Zeitzeugen, die in der Wachsschmelze gearbeitet haben, würde die Historikerin gern kennen lernen.

Vielleicht hat noch jemand eine alte Dose Bohnerwachs zu Hause. Denn die Geschichte der Fabrik und ihrer Menschen soll bald plastisch erlebbar werden. Angeregt von der Initiative „Denk mal am Ort“ plant Finnberg am Wochenende des 9. und 10. Mai einen temporären Gedenkort in dem historischen Gebäude: Das Sportstudio „Die Bewegungsebene“ stellt seine Räume für eine szenische Lesung und Ausstellung zur Verfügung, auch Nachfahren von Rechnitz und Hirsekorn sollen eingeladen werden, der Ort in seiner historischen Dimension erfahrbar werden. Finnberg sucht noch Sponsoren für das Projekt. Zeitzeug*innen und Unterstützer*innen können sich gern per E-Mail an uns wenden, wir leiten das dann weiter.

Wenn die letzten Zeugen sterben, sind es womöglich die Gedenkorte in der unmittelbaren Nachbarschaft, die die Erinnerung an die Nazi-Zeit und ihre Opfer wachhalten. In Berlin gibt es bereits viele davon. Wo sie zu finden sind, haben wir auf einer interaktiven Karte hier für Sie zusammengestellt. Die Hinweise, die wir von Ihnen schon bekommen haben und hoffentlich noch bekommen werden, arbeiten wir in der nächsten Zeit ein.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de