Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.02.2020 von Ingo Salmen

Jochen Gollbach, 52, ist gebürtiger Stuttgarter und lebt seit zwölf Jahren in Berlin. Fast genauso lange hat er die Freiwilligenagentur Marzahn-Hellersdorf geleitet, die er selbst gegründet hat. Jetzt verabschiedet er sich – und zwar in seine „alte Heimat“, wie er sagt. Damit ist nicht Stuttgart gemeint, sondern Kassel, wo seine Schwiegereltern wohnen. Ab dem 1. März wird Gollbach Koordinator für bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt in der nordhessischen Stadt. Hier erzählt er, wie sich dieses Feld in seinen Berliner Jahren gewandelt hat – und was er aus Marzahn mitnimmt. Wer sich von ihm verabschieden will, kann am Freitag, 21. Februar, um 14 Uhr zu einer kleinen Feier in den Räumen am Helene-Weigel-Platz 6 vorbeischauen. Wobei nicht garantiert ist, dass es für alle genug Platz gibt. Aktuell betreut die Agentur, die vom Bezirk, vom Land und durch Drittmittel finanziert wird, rund 2500 Freiwillige. aller-ehren-wert.de

Herr Gollbach, Sie haben einst die Freiwilligenagentur aus der Taufe gehoben. Wie kam es dazu? Ich habe 2008 beim Bezirksamt begonnen, in einem Projekt über lebenslanges Lernen, und Dagmar Pohle (Bezirksbürgermeisterin, Linke) fragte mich dann irgendwann, ob ich nicht eine Idee hätte, wie man bürgerschaftliches Engagement im Bezirk fördern könnte. Die hatte ich: durch eine Freiwilligenagentur. Also haben wir diese ab Dezember 2008 mit einem Projekt vorbereitet, Start war im Oktober 2009 bereits am Helene-Weigel-Platz.

Wie hat sich das Engagement in mehr als elf Jahren gewandelt? Es gibt Dinge, die sich nicht verändert haben – das ist der Wunsch der Leute, die hier hereinkommen und sagen: „Ich habe Zeit und ich habe Lust was zu machen.“ Und zwar vor allem mit sozialen Kontakten, mit anderen Leuten. Zwei Dinge haben sich aber verändert: Die Menschen sind immer mehr bereit zur Eigeninitiative im Kleinen, und es gibt einen steigenden Wunsch nach Kurzzeit-Engagements.

Was heißt das? Am Anfang haben wir vor allem Menschen an Einrichtungen und Organisationen vermittelt. Hier haben wir mittlerweile 280 Kooperationspartner. Seit 2017, als wir die IGA-Volunteers organisiert haben, wurde deutlich: Da gibt es auch einen anderen Bedarf. Oder jetzt bei der Nacht der Solidarität: Das Thema Obdachlosigkeit kannten viele, ohne sich richtig damit beschäftigt zu haben – und das war für sie ein Anlass, sich näher damit zu befassen.

War die IGA Ihr größtes Projekt? Zahlenmäßig war das jetzt zum Schluss die „Nacht der Solidarität“, hierfür hatten sich 3778 Freiwillige gemeldet. Bei der IGA waren es 250 Leute, aber das war das aufwendigste Projekt. Als 2013 die Entscheidung für Marzahn-Hellersdorf fiel, bin ich gleich am nächsten Tag zur IGA-Geschäftsführung gegangen und habe gefragt, ob sie nicht ein Volunteers-Programm haben wollten – und das wollten sie zum Glück. Das Volunteers-Büro in den Gärten der Welt war der tollste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann. Für mich war das auch eine gute Gelegenheit, direkt mit Freiwilligen Kontakt zu haben, statt nur Projektideen zu entwickeln und Anträge zu schreiben. Unsere IGA-Erfahrung hat letztlich auch dazu geführt, dass die Senatsverwaltung für Soziales uns auch für die Freiwilligenkoordination der Nacht der Solidarität angefragt hat.

Kann unsere Gesellschaft nur mit Kurzzeit-Engagement funktionieren? Das ist ja kein Entweder-Oder. Das Langzeit-Engagement nimmt in Deutschland und auch in Marzahn-Hellersdorf nicht ab. Im Gegenteil: Es gab noch nie so viele Vereine wie heute. Das klassische Ehrenamt mit einer Verbindlichkeit und einer Infrastruktur, Räumen, in denen man sich trifft – gerade ältere Menschen wünschen sich das. Andere wollen sich hingegen nicht fünf Jahre zum Kassenwart wählen lassen, weil sie nicht wissen, ob sie nächstes Jahr noch in Berlin wohnen. Das Kurzfrist-Engagement ist keine Alternative zum Ehrenamt, es ist eine Ergänzung – und es ist oft ein Türöffner, die Möglichkeit hineinzuschnuppern, um dann vielleicht länger zu bleiben.

Aber gerade wenn es um Vereine geht, hört man immer wieder die Klagen, dass sich niemand für den Vorstand findet. Das ist auch einer unserer Schwerpunkte für das Jahr 2020, wie man diese Felder attraktiver machen kann. Vielleicht lässt sich das auch flexibler organisieren. Muss es immer nur ein Kassenwart sein, können das nicht auch zwei Leute in Arbeitsteilung machen?

Mein Eindruck ist manchmal, dass die Zivilgesellschaft hier im Osten weniger stark ausgeprägt ist als in den westlichen Stadtteilen, viel leichter der Ruf nach dem Bezirk kommt. Am Anfang haben wir das in der Tat oft gehört: „Was, jetzt soll ich mich auch noch ehrenamtlich engagieren? Das muss doch der Staat alles machen.“ Aber das hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Es gibt hier heute viel mehr Initiativen, die ihr Wohnumfeld gestalten und selbstbewusst nach außen agieren.

Was nehmen Sie von Marzahn-Hellersdorf nach Kassel mit? Ich nehme meine Haltung mit, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und es ihn ausmacht, mit anderen gemeinsam etwas zu tun. Das „Ich, Ich, Ich“ erleben wir hier nicht. Und ich nehme mit, dass man den Menschen im Bezirk etwas zutrauen sollte, dass man nicht alles für sie organisieren muss, sondern sie das selber können. Wer sich engagiert, tut nicht nur anderen gut, sondern bekommt meist viel Gutes zurück. Die Gründe für Engagement sind meist nicht ausschließlich altruistisch, die Zehlendorfer Witwe habe ich hier noch nicht gesehen. Die, die bei uns hereinkommen und der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen, sind vielmehr oft Geflüchtete.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de