Nachbarschaft

Veröffentlicht am 24.03.2020 von Caspar Schwietering

Thomas Pfeifer, 60, ist Psychologe und Psychotherapeut. 1999 gründete er das Psychosoziale Zentrum Wuhletal und leitet es seitdem als Geschäftsführer. In dem Zentrum werden chronisch psychisch Kranke und Suchtkranke betreut, die ihr Leben deshalb nur eingeschränkt bewältigen können. Pfeifer ist darüber hinaus seit 2016 Bezirksverordneter der CDU in Marzahn-Hellersdorf (Foto: Privat).

Wegen der Coronavirus-Krise müssen Tagesstätten für Menschen mit psychischen Krankheiten schließen. Was bedeutet das für ihre Patienten?

Unsere Patienten besuchen hier im Psychosozialen Zentrum Wuhletal normalerweise mehrere gruppenbezogene Angebote. Die Klienten kommen hin, besuchen Gesprächs- oder Gruppentherapien und versorgen sich gemeinsam. Das heißt sie kochen. All das kann derzeit nicht mehr stattfinden. Sie bleiben Zuhause.

Wie reagieren ihre Klienten auf die neue Situation?

Wir haben in den vergangenen Wochen, bevor die großen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit kamen, gemerkt, dass die Klienten mehr die Gemeinschaft suchen. Das ist für sie nun schon ein Verlusterlebnis, dass sie das zwangsweise nicht mehr können.

Das heißt, wegen der Coronavirus-Krise öffnen sich ihre Klienten wieder mehr gegenüber ihren Mitmenschen?

Genau. Sie suchen mehr die Gemeinschaft. Viele unserer Klienten sind in ihren Leben gehäuft einsam gewesen. Nun haben sie Angst, wieder in diese Einsamkeit zu fallen. Es liegt in der Natur der Menschen, Hilfe von ihren Mitmenschen zu erwarten. Unsere Klienten verhalten sich kaum anders als andere Menschen.

Wie versuchen Sie ihren Klienten die Angst vor der Einsamkeit zu nehmen?

Grundsätzlich ist es so, dass wir unseren Betreuungsauftrag erfüllen. Wir kümmern uns nun individuell um die Patienten. Wir telefonieren mit ihnen und bei Bedarf werden sie auch besucht. Mit manchen müssen wir auch zusammen einkaufen gehen.

Die Isolation zu Hause bringt viele Menschen seelisch an Grenzen. Haben Sie einen Rat, wie man besser mit dieser Situation umgehen kann?

Bleiben Sie in Kontakt! Nutzen Sie alle Kanäle, die wir dafür haben: das Telefon, das Internet, die sozialen Medien.

Für viele Patienten verläuft die Covid-19-Krankheit harmlos. Dennoch fürchten sich auch Menschen, die nicht zur Risikogruppe gehören, vor dem Virus. Wieso?

Wenn ich krank werde, weiß ich nicht, ob ich zu den vier bis fünf Prozent aller Patienten gehöre, bei denen die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt. Insofern ist die Angst vor dieser Erkrankung völlig rational. Eine spannende Frage ist, wie sich diese Infektionswelle langfristig auswirken wird. Was passiert, wenn die Arbeitslosigkeit steigt und Vermögen entwertet werden? Eine wirtschaftliche Depression muss nicht zwangsläufig zu einem Ansteigen der psychischen Depressionen führen. Das hängt davon ab, wie solidarisch die Gesellschaft in einer etwaigen Krise ist.