Nachbarschaft

Veröffentlicht am 19.05.2020 von Caspar Schwietering

Seit Februar koordiniert Kathrin Schultz das Projekt „Lesben in Marzahn-Hellersdorf stärken“, das vom Bezirksamt mit der bescheidenen Summe von 8.000 Euro gefördert wird.Die 41-jährige Schultz kam 1998 aus Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin, nachdem ihr eigenes Coming-out dort „scheiße verlief“.  Zusammen mit ihrer Tochter wohnt sie heute in der Nähe des Bahnhofs Ahrensfelde, gleich hinter der Bezirksgrenze. Marzahn-Hellersdorf fühlt sich Schultz allein wegen ihrer Ostsozialisation verbunden, sagt sie. Allerdings litten Lesben hier – neben der alle Bevölkerungsgruppen betreffenden Gentrifizierung – unter mangelnder Sichtbarkeit. Mit ihrem Projekt will Schultz dem nun entgegenwirken. Dass sie sich dabei speziell an Lesben* wendet und nicht an alle queeren Menschen, begründet Schultz mit „patriarchalen Strukturen“, die es leider auch in der queeren Community gebe. Es gehe ihr deshalb darum, queere Themen und Feminismus zusammen zu bringen (Foto: Privat)

Frau Schultz, Sie leiten das neue Projekt „Lesben in Marzahn-Hellersdorf stärken“ für den Verein „Lesben leben Familie“ (LesLeFam). Warum legen Sie den Fokus auf lesbische Regenbogenfamilien?

Das ist ein Missverständnis wegen unseres Namens. Der Fokus liegt auf Lesben. Wir begreifen den Familienbegriff weit und meinen damit auch Freundinnen, Beziehungspartnerinnen, Patchwork-Familien. Familie bedeutet insbesondere bei queeren Menschen auch Wahlfamilien. Wir wollen die Zusammenhänge, in denen lesbische Frauen leben, unterstützen.

Welche Angebote möchten Sie lesbischen Frauen im Bezirk machen?

Wir haben drei Standbeine. Zum einen bieten wir Lesben Beratung an. Da geht es um rechtliche Fragen etwa um Hilfe bei Diskriminierungen. Wir beraten aber auch bei einem Kinderwunsch. Daneben wird es Gruppenangebote und Veranstaltungen geben im Frauentreff „Hellma“ in Marzahn und im Frauenzentrum „Matilde“ in Hellersdorf. Hier  hat uns die Corona-Pandemie etwas ausgebremst. Wir legen los, sobald dort wieder Veranstaltungen möglich sind. Unser drittes Standbein lautet Sichtbarkeit. Deshalb haben wir am 12. Mai zusammen mit Vertreter*innen des Bezirksamts die Regenbogenfahne vor dem Rathaus gehisst. Wir wollen Aufklärung über lesbisches Leben im weitesten Sinne leisten.

Mit welchen Problemen kämpfen Lesben im Bezirk? 

Jede Altersgruppe hat ihre eigenen Themen. Aber das innere und äußere Coming-out ist noch immer entscheidend – in jeder Altersgruppe. Queerem Leben begegnet man im Bezirk kaum. Jungen Lesben, die ihre Sexualität entdecken, fehlen deshalb die Anlaufpunkte. Sie finden auch im Internet nicht unbedingt die richtigen Informationen. Deshalb wollen wir die Sichtbarkeit von lesbischem Leben unbedingt erhöhen. Doch auch ältere Lesben kämpfen noch immer mit dem Coming-out. Ihre Freund*innen wissen zumeist natürlich von ihrer sexuellen Identität, aber in der Herkunftfamilie und im Beruf leben viele nicht offen lesbisch.

Wie unterscheidet sich queeres Leben in Marzahn-Hellersdorf von dem in Innenstadtbezirken?

Anfeindungen erleben queere Menschen überall. In Kreuzberg kann ich als Lesbe genauso angemacht werden wie in Marzahn-Hellersdorf.  Aber in Friedrichshain, Neukölln oder Kreuzberg gibt es Rückzugsorte. Mein Traum wäre es, dass es auch in Marzahn-Hellersdorf bald vier oder fünf Kneipen für queere Menschen gibt und vielleicht auch einen Club.

Wie kann Ihr Projekt dazu beitragen?

Indem wir Lesben miteinander vernetzen. Ich kann eine lesbische Infrastruktur nicht alleine schaffen. Ich brauche Frauen, die zusammen etwas aufbauen wollen. Wir wollen Lesben aus dem Bezirk an einen Tisch bringen. So haben wir es in Lichtenberg mit LesLeFam gemacht, um danach gemeinsam etwas schaffen.

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