Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.06.2020 von Ingo Salmen

Simon Rehle, 33, stammt aus Augsburg, wohnt in Friedrichshain, hat erst Bootsbauer und dann Industriekletterer gelernt – und ist seit dem 1. Mai der neue Müller von Marzahn. Allerdings ist Rehle nicht mehr beim Bezirksamt angestellt, sondern beim neuen Träger der Bockwindmühle, dem Verein Agrarbörse Deutschland Ost, der auch den benachbarten Tierhof betreibt. Ein Gespräch über Handwerk und Holz, den Wind und die Zukunft.

Herr Rehle, wie wird man Müller von Marzahn, ohne Müller zu sein? Das war ein wahnsinniger Zufall. Ich habe einen Kleingarten in Karlshorst, in dem ich im Sommer jede freie Minute verbringe. Da muss man auch immer gemeinnützige Arbeit für den Verein leisten. Eigentlich sind das vier Stunden im Jahr, das ist ja nichts. Ich komme eher auf 20 bis 30, mache dann immer Holzarbeiten. Jedes Jahr ein Projekt: einmal war’s ein neues Rolltor, einmal Bänke für den Kinderspielplatz. Da habe ich auch mit einem Mitarbeiter der Agrarbörse zusammengearbeitet, der selbst einen Kleingarten dort hat. Er gilt als sehr penibel, aber einmal habe ich ihn zu noch mehr Gründlichkeit überredet. Das hat er sich gemerkt – und sprach mich an, als jetzt ein neuer Müller gesucht wurde.

Und wie haben Sie reagiert? Ich habe mich nicht lange bitten lassen, das ist ein Traumjob. Bisher war ich als Industriekletterer auf Montage, aber weil ich einen kleinen Sohn habe, war ich schon lange auf der Suche nach was Stetigerem. Das war dann ein Geschenk des Himmels – auch wenn ich Atheist bin. Zunächst mal habe ich jetzt eine 35-Stunden-Woche, jede zweite Woche bin ich auch alleinerziehend, aber bald werden wir das wohl auf 40 Stunden aufstocken. Ab September bekomme ich auch noch zwei Hilfskräfte im Freiwilligen Ökologischen Jahr.

Waren Sie vor Dienstantritt überhaupt schon mal in einer Bockwindmühle? Tatsächlich noch nicht! Als Kind war ich aber schon mal in einer Holländer-Mühle, daran kann ich mich erinnern. Der Wind war schon immer die treibende Kraft in meinem Leben. Das fing an mit einer Segelleidenschaft in meiner Jugend, geweckt durch meinen Stiefvater. Da haben wir in den Sommerferien alles abgesegelt. So wurde ich auch Bootsbauer. Dann ging’s in die Windkraft: Als Industriekletterer habe ich Rotorblätter von Windkraftanlagen gewartet. Man hing dann oben im Seil, hundert Meter über dem Boden, um zu laminieren, spachteln, schleifen, lackieren. Bootsbauer können das alles, die sind in dem Bereich deshalb sehr gesucht.

Werden wir Sie dann auch künftig angeseilt an der Marzahner Mühle sehen? Gerne! Man muss immer zu zweit klettern, um sich absichern und helfen zu können, aber ich kann mir das durchaus vorstellen. Ich habe zumindest bei meinem früheren Betrieb schon mal angefragt, ob ich die Ausrüstung übernehmen kann. Das ist die Seilpartner Windkraft GmbH hier aus Berlin, die wurde damals gegründet, um den Reichstag zu verhüllen. Das waren Pioniere auf dem Gebiet. Vielleicht machen sie jetzt ihre Weihnachtsfeier hier in der Mühle.

Wie machen Sie sich denn jetzt mit der Mühle vertraut? Ich habe erst mal viel Lektüre bekommen vom Müller der Potsdamer Mühle, Frederic Schüler, der auch Mitglied im Marzahner Mühlenverein ist und angeboten hat, mich ehrenamtlich einzuarbeiten. Vor zwei Wochen, als Wind da war, haben wir die Mühle das erste Mal zusammen angeschmissen. Das ist ein Wahnsinnsgefühl! Der Läuferstein allein wiegt schon 1,2 Tonnen, der Bock aus französischer Eiche sieben Tonnen, die ganze Mühle 37 Tonnen. Ich musste ja schon staunen, als ich das erste Mal reingekommen bin, das ganze Holz. Was für ein schöner Spielplatz für einen Handwerker! Jetzt habe ich den offiziellen Segen von Frederic Schüler und kann sie auch allein anwerfen.

Haben Sie auch schon Getreide gemahlen? So weit bin ich noch nicht. Das erste Mal haben wir sie nur im Leerlauf betrieben. Die eigentliche Müllerei muss ich noch lernen. Oben Getreide reinschütten und unten kommt das Mehl raus – so einfach ist das nicht. Es ist ja nicht nur ein Mahlgang, es sind bis zu neun. Dazu unterschiedliche Qualitätsanforderungen und -abstufungen, der Feuchtigkeitsgehalt, die Reinigung des Getreides, lebensmittelrechtliche Bestimmungen – da hängt eine Menge dran. Es ist heutzutage schwierig, eine Müllerausbildung zu machen, die gibt es eigentlich nicht mehr. Das wäre dann der Verfahrenstechnologe Mühlen- und Getreidewirtschaft, Fachrichtung Müllerei. Ich sag’s mal so: Die Arbeit macht den Meister.

Nun ist die Marzahner Mühle auch ein Ort für Hochzeiten, außerdem kommen normalerweise viele Kita-Gruppen und Schulklassen zu Besuch, um sich das Handwerk zeigen zu lassen, Stichwort: „Vom Korn zum Brot“. Wie geht es da weiter? Die Trauungen gibt es inzwischen wieder im kleinen Kreis. Ich freue mich schon darauf, dabei zu sein. Bei allem anderen können wir momentan platztechnisch die Hygiene- und Abstandsbestimmungen nicht einhalten, was mir aber auch den Rücken freihält, um mich einzuarbeiten. Ich hoffe, dass wir mit den Besuchen von Kitas und Schulen nach den Sommerferien durchstarten können, auch zusammen mit dem Tierhof. Und vielleicht können wir im Herbst ein Erntedankfest feiern. Für die Kinder heißt es erst mal wahrscheinlich nur „Vom Getreide zum Mehl“ – ich muss mir den Ofen noch anschauen. Mit dem Brotbacken habe ich aber schon angefangen, als ich ein Jahr in Neuseeland gelebt habe. Die haben da ja nur Toast.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de