Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.06.2020 von Caspar Schwietering

Der erste Eindruck? Leicht wird sie es nicht haben. Als ich mich der Sommerlinde nähere, donnert gerade ein „kleiner“ Lkw mit seinen 7,5 Tonnen über den Blumberger Damm. Straßenbäume wie unsere neue Nachbarin – nennen wir sie Linda – haben seit jeher ein schweres Leben. Erschütterungen, Dreck, Abgase – die Belastungen sind enorm.

Aber zumindest mit fehlendem Licht wird Linda kein Problem haben. Die gegenüberliegenden Plattenbauten stehen weit genug weg. Aber ob das nur ein Vorteil ist? Die Sonne brennt auch jetzt morgens um acht schon recht stark. Wenn das mit dem Klimawandel so weitergeht, könnte Linda in manchen Sommern ordentlich Sonnenbrand bekommen. Als Jungbaum ist die 2019 eingepflanzte Linda deshalb noch weiß angemalt – zum Schutz. Die Linde– so etwas wie der Berliner Straßenbaum schlechthin – könnte in Zukunft aber auch immer seltener gepflanzt werden. Stattdessen kommen dann mehr exotische Arten zum Einsatz. Die Umweltverwaltung des Senats hat schon eine Liste mit klimaresistenten Arten an die Grünflächenämter verschickt. Diese Arten klingen für mich nicht nur wegen der Herkunft, sondern allein schon wegen der der lateinischen Namen exotisch: „Acer monspessulanum“ steht da oder „Malus tschonoskii“.

Wenn es in den nächsten Jahrzehnten immer heißer wird, müssen wir Menschen übrigens aus purem Eigennutz darauf hoffen, dass es unseren Straßenbäumen fantastisch geht. Denn Bäume werden das Leben in der Stadt überhaupt erst erträglich machen, indem sie für Frischluft sorgen und unsere Straßen um mehrere Grad abkühlen. Genau deshalb kommt Linda übrigens auch eine solch exponierte Rolle zu. Denn 2019 war sie die einzige Neue in unserem Bezirk. Laut Grünflächeninformationssystem (GRIS) des Senats wurde in ganz Marzahn-Hellersdorf im vergangenen Jahr nur ein neuer Straßenbaum gepflanzt. Gerne würde ich Linda deshalb fragen, wie sie mit der Verantwortung umgeht, so allein den Klimawandel bei uns aufhalten zu müssen. Aber Linda findet die Frage ein bisschen albern.

Ob Linda übrigens wirklich die einzige Neue ist, lässt sich auch nicht so ganz einfach sagen. Denn insgesamt wurden in Marzahn-Hellersdorf 418 neue Bäume gepflanzt. Davon waren aber 417 sogenannte Ersatzpflanzungen für zuvor gefällte Bäume.

Der zweitschlechteste Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat übrigens 99 neue Bäume in der Bilanz – ohne Ersatzpflanzungen. Und in Mitte kamen satte 507 neue Bäume hinzu. Insgesamt entstand bei uns in Marzahn-Hellersdorf 2019 übrigens ein Minus von 781 Straßenbäumen. Denn längst nicht jeder gefällte Baum wurde auch ersetzt. Auch bei diesem Wert ist MaHe leider Schlusslicht.

Im Bezirksamt hält man allerdings die Zahlen für falsch. „Wir haben einen von der Umweltverwaltung des Senats attestierten mangelhaften Datenbestand und nun sind wir gerade dabei, alle Bäume in Marzahn-Hellersdorf neu im GRIS zu erfassen“, sagt Umweltstadträtin Nadja Zivkovic (CDU). Ende des Jahres gebe es dann eine korrekte Datenlage. Aber insgesamt – das findet auch Zivkovic – könnte es gern ein bisschen mehr sein. 2019 waren viele Stellen im Grünflächenamt lange unbesetzt – auch weil die für Personal zuständige Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) erstmal ein neues ökonomisches Konzept für die Baum- und Grünpflege wollte, bevor sie neue Stellen bewilligte. Mit dem Baumpflanzungen habe man deshalb erst spät im Jahr anfangen können, sagt Zivkovic.

2020 läuft es nun besser. So hat Marzahn-Hellersdorf bereits 150 Bäume mithilfe der Stadtbaumkampagne des Senats gepflanzt. Das Grün sei den Bürger*innen unglaublich wichtig, sagt Zivkovic. Das werde ihr immer wieder gesagt. Von den Bäumen in unserem Bezirk profitiert übrigens die ganze Stadt. Wissenschaftler*innen der Humboldt-Universität haben herausgefunden, dass das Grün in MaHe eine wichtige Frischluftzufuhr für ganz Berlin ist.

Zivkovics Mitarbeiter*innen geben sich deshalb viel Mühe, um Jungbäume wie Linda am Leben zu erhalten. In den ersten Jahren müssten sie dafür vor allem viel gießen, sagt Zivkovic. Aber dafür profitiere man von Stadtbäumen als Schattenspender auch sehr lange. Und unter Anspielung auf  künstlichen Schutz sagt sie: „So ein Sonnensegel ist dagegen nach wenigen Jahren kaputt.“

Nicht jeder Jungbaum übersteht allerdings die kritische Anpflanzphase. Nur wenige Meter von Linda entfernt – im sogenannten Paradiesgarten an der Schönnagelstraße – bewachen die typischen drei Holzstämme, die wie Bodyguards um Jungbäume stehen, nur noch ein totes Gerippe.

Text und Foto: Caspar Schwietering

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