Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.09.2020 von Caspar Schwietering

Die ganz große Feier kommt erst noch, da ist sich Monika Schulz-Pusch sicher. Kürzlich wurde der Chefin des Mahlsdorfer Gründerzeitmuseums von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) das Bundesverdienstkreuz übergeben. Anschließend gab es zumindest einen kleinen Empfang im Garten des Gutshof Mahlsdorf mit viel lokaler Prominenz.

Kulturstadträtin Juliane Witt (Linke) war da, dazu der SPD-Abgeordnete Sven Kohlmeier, der Schulz-Pusch für die hohe Auszeichnung offiziell vorgeschlagen hat. Auch der CDU-Kreisvorsitzende Mario Czaja (CDU) hielt eine Rede. Aber Schulz-Pusch möchte unbedingt auch noch mal mit allen Weggefährten feiern, wenn die Corona-Pandemie es zulässt. „Das Gutshaus Mahlsdorf und das Museum zu erhalten, war eine Gemeinschaftsaufgabe“, sagt sie.

Zusammen haben sie das Lebenswerk von Charlotte von Mahlsdorf bewahrt. Von Mahlsdorf, die als Lothar Berfelde zur Welt kam, war die wohl bekannteste Transgender der DDR. 1958 bezog sie „auf eigene Gefahr“ den maroden, vom Abriss bedrohten Gutshof Mahlsdorf und richtete dort ihre Sammlung von Gründerzeitmöbeln ein.

1960 entstand so das Gründerzeitmuseum. Die Mulackritze – die letzte komplett erhaltene Berliner Zille-Kneipe samt „Hurenstube“aus dem ehemaligen Scheunenviertel – rettete sie beim Abriss des Gebäudes 1963 und richtete sie im Keller des Museums wieder im Originalzustand ein. Vor dem Krieg war die Mulackritze einer der angesagtesten Lesben- und Schwulentreffpunkte der Stadt gewesen. Und dank Charlotte von Mahlsdorf hatte das Lokal denselben Status – weit draußen in Mahlsdorf – auch in der DDR. So wurde das Gründerzeitmuseum zu einem Haus der Toleranz.

Doch als Charlotte von Mahlsdorf 1997 nach jahrelangem Kampf um den Erhalt des Gebäudes mit einem Teil der Sammlung nach Schweden emigrierte, drohte der Gutshof Mahlsdorf erneut zu verfallen. Den Schlüssel für das Haus übergab sie am Tag ihrer Abreise an Monika Schulz-Pusch. „Es war mir eine Ehre, ihr Lebenswerk am Leben zu halten“, sagt sie. Gemeinsam mit ein paar anderen Verrückten hätte sie sich daran gemacht, den Gutshof wieder in Schuss zu bringen.

Heute vermittelte das Gründerzeitmuseum weiterhin Offenheit und Toleranz, sagt Schulz-Pusch. So kämen in dem Museum Kinder oder auch vielleicht eher konservative Menschen, die sich hauptsächlich für die Gründerzeit interessieren, mit Charlottes Leben in Berührung.

Zunächst ging es aber darum die wertvolle Sammlung vor Einbrechern zu schützen. Also zog Schulz-Pusch kurzentschlossen für einige Wochen in den alten Gutshof, der über keine Alarmanlage verfügte. Das alte Haus habe immer wieder heftig geknarzt, erzählt sie, „aber Charlotte hat mir gesagt, das sind die guten Geister.“

Inzwischen ist der 200 Jahre alte Gutshof top-saniert und das Gründerzeitmuseum ein Juwel des Bezirks. „Im Nachhinein bin ich ein bisschen erschrocken, welchen Mut ich für das Museum aufgebracht habe“, sagte Schulz-Pusch. Vor allem habe sie den Mut gehabt, alle möglichen Leute abzuklappern und um Geld zu bitten. So gelang es ihr und ihren Mitstreiter*innen, den Gutshof zu sanieren, das Grundstück zu kaufen und den schwedischen Teil der Sammlung nach Charlotte von Mahlsdorfs Tod nach Berlin zurückzubringen.

Für alle diese Mühen erhält die 69-Jährige mit dem Bundesverdienstkreuz nun den verdienten Lohn. Zu ihren Fürsprechern gehörte dabei im Vorfeld auch der amerikanische Schriftsteller Doug Wright. Wright hat über das Leben von Charlotte von Mahlsdorf das Stück „I Am My Own Wife“ geschrieben, das erfolgreich am Broadway lief. Als junger Stückeschreiber erhielt Doug Wright dafür gleich den Pulitzerpreis und einen Tony Award. „Es wäre doch schön, wenn du für deine Arbeit auch einmal einen Preis erhältst“, habe Wright ihr gesagt, berichtet Schulz-Pusch. Also schrieb er einen Brief an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller und schlug Monika Schulz-Pusch für das Bundesverdienstkreuz vor – dieselbe Auszeichnung, die bereits Charlotte von Mahlsdorf für die Schaffung des Gründerzeitmuseums erhalten hatte.

Und so ist es nun tatsächlich gekommen. „Ihre Initiative und ihr Engagement sind beispielgebend für unser Zusammenleben“, sagte Klaus Lederer in seiner Laudatio. – Foto: Privat.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-i.salmen@tagesspiegel.de

Dieser Beitrag stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Marzahn-Hellersdorf. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de

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