Nachbarschaft

Veröffentlicht am 17.11.2020 von Masha Slawinski

Sarah Ann Rosa lebt seit anderthalb Jahren in Marzahn-Hellersdorf. Mit 16 ist sie nach Berlin gezogen. Seitdem pendelte sie zwischen WG-Zimmern, Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Drei Jahre hat sie für ein Medienunternehmen als Moderatorin gearbeitet, welches sich mit Cannabis-Forschung beschäftigt. Mittlerweile befasst sie sich auch als freie Journalistin mit dem Thema. Unerwartet hat sie in Hellersdorf etwas gefunden, von dem sie gar nicht wusste, dass sie es braucht.

Kommst Du aus Berlin? Ja, ich bin Berlinerin, aber nicht gebürtig. Eigentlich komme ich aus Magdeburg, aber wenn du so ein Freigeist wie ich bist, weißt du einfach nicht, was du da machen sollst. Mit 16 kam ich nach Berlin und habe dann 13 Jahre auf der Straße gelebt. Damals war ich Punk und habe in der Hausbesetzerszene mitgemischt. Irgendwie hatte ich damals das Gefühl, nach Hause zu ziehen. Es klang so, als würde es hier Spaß machen. Hat es erstmal aber nicht: Es war kalt und scheiße – und ich hatte ja auch keinen hier.

Jetzt lebst Du in Marzahn-Hellersdorf. Genau. Die letzten Jahre ging es bei mir langsam bergauf. Vor knapp sechs Jahren habe ich mein Abi nachgemacht und habe begonnen, als Moderatorin für ein Medienunternehmen mit dem Schwerpunkt-Cannabisforschung zu arbeiten. Vor anderthalb Jahren bin ich dann in eine Wohnung im zehnten Stock gezogen, von der aus man über ganz Hellersdorf gucken kann. Fast jeden Abend, seit einem Jahr, fotografiere ich hier die Sonnenuntergänge. Oft sitze sich auch am Fenster (siehe Kiezkamera) und schreibe Gedichte. Dafür habe ich mir dieses Jahr extra eine Schreibmaschine gekauft.

Du schreibst Gedichte? Genau, gerade arbeite ich an einem Gedichtband. Der ist noch nicht ganz fertig, aber Ende des Jahres werde ich ihn herausbringen. Das ist nicht immer so einfach, weil ich da auf kreative Schübe warten muss.

Wie kamst Du zum journalistischen Schreiben? Als ich noch für das Medienunternehmen gearbeitet habe, bin ich durch ganz Europa gereist, um Cannabis-Messen zu moderieren. Für die Firma habe ich manchmal auch Berichte über meine Moderationen geschrieben. Richtig aktiv habe ich das Schreiben damals aber nie verfolgt. Erst letztes Jahr habe ich mich dann selbstständig gemacht und begonnen, in derselben Nische zu schreiben, in der ich vorher gearbeitet habe. Jetzt schreibe ich für deutschsprachige Magazine in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Die kannten mich noch von meiner Moderation bei Veranstaltungen zur Cannabis-Forschung und haben mir eine Chance gegeben. Es ist sehr schwer zu publizieren, wenn man das noch nie gemacht hat, aber so ist mir ein guter Einstieg gelungen.

Warum bist Du nach Hellersdorf gezogen? Das war keine bewusste Entscheidung. Davor bin ich von WG-Zimmer zu WG-Zimmer gerauscht und habe es nie richtig geschafft, endgültig von der Straße wegzukommen. Irgendwann hat mir dieses Hin und Her gereicht. Ich wollte eine sichere Wohnung finden, die ich nicht verlieren kann. Wenn du einmal auf der Straße warst, ist das sehr problematisch. Du hast im Prinzip bis dahin kein Leben geführt, du hast keine Referenzen, keinen Lebenslauf, bis auf, ‘ich hab mal drei Monate lang in Kuba ein Haus besetzt’. Das will keiner hören, der dir eine Wohnung gibt. Vor drei Jahren bin ich in einen Burnout gerauscht. Die Medienfirma, bei der ich gearbeitet habe, hat mich ganz schön kaputt gespielt. Mein Zimmer in Friedrichshain konnte ich mir dann nicht mehr leisten. Aus so einer schweren Situation wieder rauszukommen und sich auf sich zu besinnen, das braucht Einiges und verändert einen. Ich habe mich zurückgezogen und viel aufgearbeitet.

Was hast Du die Jahre über in MaHe für Dich entdeckt? Also mir war schon klar, dass das an der Grenze zu Brandenburg liegt und dass es da Natur gibt, aber dass es so schön und gut gepflegt ist, hätte ich nicht erwartet. Ich habe dieses Jahr einen Steinadler gesehen, einen Hirschbock röhren hören, und ich habe drei Eisvögel fotografiert! Eisvögel! ich dachte, die gibt es nur in der Krombacher-Werbung. Und der Bezirk gibt sich echt Mühe, kulturelle Angebote für Kinder zu schaffen. Für Erwachsene gibt es aber eher weniger.

Hast Du denn Freunde hier? Mein bester Freund lebt eine Haltestelle um die Ecke. Sonst befindet sich mein soziales Umfeld in anderen Kiezen, zum Beispiel in Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg. Dass meine Freunde hier nicht wohnen, liegt glaube ich auch daran, dass es hier nicht wirklich Kultur gibt. Mir fehlt der Verknüpfungspunkt zum Kennenlernen von Leuten. Vielleicht gibt es hier ganz tolle Menschen – nur, ich finde sie nicht! Ich habe kein Problem mit Menschen, die an anderen Dingen interessiert sind. Aber ausschließlich andere Interessen, das geht halt auch nicht. Ich meine, ich stehe an der Rewe-Kasse und mache einen Witz und alle schauen mich an, als ob ich eine Meise habe – weil keiner verstanden hat, wovon ich rede.

Dann ist Marzahn-Hellersdorf für Dich also keine dauerhafte Lösung ? Na ja, MaHe ist der Stadtteil, wo ich hingentrifiziert wurde und niemals hinwollte, weil es eben auch einen Ruf hat. Alles, was verdrängt wird, kommt hier her. Es könnte wunderschön sein. Das Problem ist, dass es gesellschaftlich nicht gut durchmischt ist. Es gibt kein schönes Restaurant, keinen Späti. Es ist eine Planstadt und da ist es natürlich klar, dass es unpersönlich bleibt. Aber mittlerweile lebe ich trotzdem sehr gerne hier – mitten in der Natur und über meinem Berlin. Es ist so meine Blase. Ich bin so weit draußen und alle lassen mich in Ruhe. Und ich hatte so ein Glück hier zu sein, als es mit Corona losging. In der Innenstadt, wo alle so nah beieinander leben, kann das so anstrengend sein. Hier kann ich zwei Stunden geradeaus laufen und mir begegnet nur ein Fuchs. Das ist mir viel wichtiger, als viele Leute um mich zu haben. Das hat mich MaHe erst gelehrt: dass ich das genießen kann. Ich dachte immer, dass ich auf jeder Hochzeit tanzen muss. Damit habe ich mich selbst so kaputt gemacht, weil ich nicht wusste, was ich brauche und seit ich hier bin, weiß ich was ich brauche und das ist: weniger, absolut weniger von allem. Foto: privat
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